Als Jesus nach seiner Auferstehung mit den Aposteln die Welt umsegelte, weil er die Seinen missionsfreundlich darauf verteilen wollte, landete er irgendwann auch an einer entlegenen Bucht der nordiberischen Atlantikküste. Er hieß Andreas aussteigen mit dem Gebot, eben hier eine Wallfahrtsstätte zu errichten. Andreas aber sträubte sich. Die Umgebung war ihm nicht genehm. Darauf versetzte Jesus: Ich halte hiermit fest, dass jeder, der nicht zu Lebzeiten gepilgert kommt, nach seinem Tod gleich dreimal wird kommen müssen! Das schien Andreas eine wirkungsvolle Drohung, um potenziellen Pilgern Beine zu machen. Er blieb also.

Die Legende nährt bis heute das kleine Dorf San Andrés de Teixido an Galiciens Costa da Morte, das malerisch an einen Hang gebaut ist, mit Ausblick auf Berg und Tal und Meeresbrandung. In der örtlichen Wallfahrtskirche wird eine mittelalterliche Statue des Apostels aufbewahrt. Deren hölzerne Brust birgt, hinter Glas, eine Reliquie – angeblich ein echtes Stück Knochen von des Jüngers einstmals predigender Hand. Könnte sie noch Wunder wirken, es wäre wohl an der Zeit, die göttliche Drohung zu aktualisieren. Denn momentan scheint schließlich kaum jemandem die Umgebung genehm. Seit vor gut sieben Monaten, am 13. November 2002, die Prestige leckschlug und die Küste fast der gesamten Region von Schweröl überschwemmt wurde, herrschen schwere Bedenken gegenüber dem Urlaubsziel Galicien. Klar, es waren 300000 Freiwillige zum Saubermachen da, das weiß jeder, und die spanische Regierung beteuert nun ein ums andere Mal, es sei auch alles wieder rein. Aber wer glaubt deren Reden schon, nachdem sie etliche Wochen die Katastrophe nicht hatte wahrhaben wollen, obwohl sie mit Händen greifbar war? Außerdem: Kann ein Schmutzfilm überhaupt so schnell verschwinden? Also: besser Abstand halten.

Gegen den Argwohn kommt kein Apostel mehr an. Nur die Anschauung. Da steht man etwa auf den gewaltigen Granitbrocken, die neben Muxías Hafenbecken wie von Monsterhand ins Meer gewürfelt daliegen, versucht der Bö zu trotzen und wird gleich von einer doppelten Ehrfurcht erwischt – vor der Kraft des Meeres, das gegen die Felsen brandet und zwischen sie hindurchgischtet; und vor der Kraft der Menschen, die diese besonders schwer gebeutelte Zone offenbar tatsächlich komplett gereinigt haben. Das ist keine Einzelbeobachtung. Nach Tagen voller Strandgänge, mit aufgesperrten Adleraugen, immer willig, endlich der erwarteten Schweinerei angesichtig zu werden, müssen wir vor allem erstaunt bekennen: So sauber, das hätten wir uns nicht träumen lassen.

Jetzt kommen freilich die Umweltschützer zu Wort. Sie sagen: An den Felsen der Steilhänge, da klebt das Öl teilweise noch wie zu Anfang; manchmal ist der Strand zwar oberflächlich weiß, aber tief drunter liegt weiterhin eine Schicht Öl (das nennen sie den Lasagne-Effekt); die Wasserstrahlgeräte haben die Felsen nicht nur vom Öl, sondern auch von allem mikrobiologischen Leben gereinigt – es dauert Jahre, das zurückzugewinnen; die Reinigungstrupps sind mit Räumfahrzeugen durch die Marschen gebrettert und haben jungfräuliche Strände mit hässlichen Zufahrtspisten verunstaltet.

Die Umweltschützer, seien sie von Greenpeace oder der galicischen Organisation Adega, haben in allem Recht. Es wurde viel gepfuscht, und es bleibt viel zu tun. Nur ändert das nichts am überwältigenden Eindruck: Hier hat sich eine Region in Windeseile das Öl vom Hals geschafft. Sie liegt nun wieder so einladend da wie vor der Katastrophe, und wenn wir nicht gerade zu Lebzeiten hier wären, wir hätten gar nichts dagegen, nach dem Tod noch dreimal wiederzukommen.

"Wir haben den Ozean schlecht behandelt. Wir haben zu viel gefischt"

Die Menschen, die leidenschaftlich gelitten haben im Kampf gegen die Ölpest und für die Rettung des eigenen Stückes Küste, geraten mitunter in eine merkwürdige Gemengelage, wenn es um die gereinigte Heimat geht. Tief sitzt die Wut über das skandalöse Krisenmanagement der Regierung, deren Mitglieder in den Stunden der höchsten Not auf die Jagd gingen und deren Chef Aznar sich an der Küste nicht blicken ließ. Und weil die Wut so tief sitzt, sind manche geneigt, weiterhin schwarz zu sehen. María García, die junge Umweltbeauftragte von Carnota, dem Ort mit Galiciens längs-tem Sandstrand (acht Kilometer!), pariert die delikate Fremdenverkehrsfrage mit einem eleganten Ausfallschritt: "Ja, die Touristen können getrost kommen. Sie sollen sehen, dass noch lange nicht alles in Ordnung ist. Wir brauchen Unterstützung. Man muss zeigen, was geschehen ist, damit es nie wieder geschieht." Die gesäuberte Küste ist für manche ein großer Erfolg und eine kleine Enttäuschung zugleich. Mit dem letzten Dreck werden auch die letzten Spuren der heldenhaften Arbeit beseitigt. "Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit", hat Goethe einmal geschrieben. Vielleicht empfinden viele Galicier ganz ähnlich mit Blick auf das wiedergewonnene Weiß ihrer Strände.

Die Galicier, wenn das wilde Meer um sie herum rumort, schlagen gern eine Schicksalssaite in ihrem Herzen an. Dann kann das ökologische Desaster gar zum tragischen Zeichen werden. "Wir haben den Ozean schlecht behandelt. Wir haben zu viel gefischt. Es musste etwas geschehen. Jetzt werden wir uns besinnen", sagt María Inmaculada Canosa, die Hüterin der Kirche Santa María de las Arenas in Finisterre, dem letzten Gotteshaus auf den westlichen Ausläufern des Jakobswegs. Wenige Kilometer weiter gen Westen befindet sich das Kap Finisterre, das, wie der Name schon sagt, einmal als Ende der Welt galt. María Canosa ist in der Kirche mit einigen Freundinnen verabredet, um Jesus den Rock zu wechseln. Als eine von ihnen schließlich den leuchtend roten Samtstoff von der Trittleiter aus um des Heilands Leib schlingt, nähert sich die Szene dem Motiv der klassischen Kreuzabnahme. "Diesmal sitzt er aber sehr kurz", merkt María an, während eine gut aufgelegte Freundin Christi Finger krümmt, damit der Besuch sich ordentlich wundert. Wie geht das an? Es geht, weil die Statue gar nicht aus Holz ist, wie vermutet, sondern aus Haut – vom Büffel wahrscheinlich. "Das fühlt sich an wie ein richtiger Mensch", bemerkt eine andere Freundin mit spirituellem Nachdruck und erzählt, dass man die Statue vor 400 Jahren aus einem gestrandeten Schiff geborgen hat. "Sie kam übers Meer zu uns" – dadurch hat sie sich höchste Autorität erworben.