Stop & Go von Hamburg bis Würzburg. Ganz Bayern ist im ADAC-Staukalender alarmrot eingefärbt. Wer es heute eilig hat, ist nicht zu beneiden. Er muss die raren Lücken im verstopften Autoland suchen – und nutzen. Ich kenne Autobahnabschnitte im Hunsrück oder ein Teilstück der A27 in Richtung Cuxhaven – und bin nicht so dumm, präzisere Angaben zu machen –, da kann ich das Tierchen sonntags früh um vier noch laufen lassen. 250 Sachen, bis der Schweiß aus dem Kragen schwappt: So hole ich Verspätungen auf.

Doch kann man da nicht mehr tun? Dringend gebraucht werden richtig schnelle Autos, die in der Lücke punkten. Und die Autoindustrie reagiert. Sie zieht ihre voreilige Zusage eines freiwilligen Tempolimits von 250 km/h zurück. Ab sofort (Höhepunkt ist im Herbst die IAA in Frankfurt) hagelt es Geschwindigkeitsrekorde.

Mercedes SLR "Flügeltüre": über 600 PS, 3,8 Sekunden von 0 auf 100, 330 km/h Spitze. Mercedes CLK-GTR Cabrio (nur ohne Verdeck!): 320 Spitze. Ferrari F 60 mit 650 PS (370 km/h). Und damit niemand auf die Idee kommt, hier wäre die Rede von einem elitären Marktsegment – das Schärfste bietet der Volkswagen-Konzern: der Bentley Continental GT als schnellster Viersitzer der Welt (310); der Lamborghini Gallardo (305) und das Schnuckelchen Bugatti EB 16.4 Veyron mit 1001 PS. Das würgt man unterhalb von 200 km/h fast ständig ab, wohl fühlt es sich bei 406 Sachen (Sportversion mit 1100 PS in Vorbereitung!). Den Anachronismus, im VW Phaeton den stärksten Seriendiesel der Welt bei 250 km/h abzuregeln ("laufruhig bis Tempo 300"), wird der Kundenwunsch bald hinwegfegen. Dass solche Autos happig Euros verschlingen, sei nicht verschwiegen. Doch kostet nicht Zeit auch Geld? Außerdem sind attraktive Finanzierungsmodelle und unwiderstehliche Leasingangebote in Sicht.

Mein erstes Auto hatte 23 PS und behinderte Nutzfahrzeuge in den Kasseler Bergen. So etwas muss nicht sein. Mit dem Bugatti werden die Kasseler Berge zur Bodenwelle (erlebbar während des EM-Finales Deutschland– England). Weil man mit schnellen Autos vornehmlich in sonst ungenutzte Lücken flitzt, tragen diese kaum zur Verstopfung der Straßen bei. Im Übrigen ist sehr schnelles Fahren auch aus ärztlicher Sicht nur zu loben: Das von Herz-Kreislauf-Spezialisten aufgestellte Postulat "Dreimal täglich über 180" meint in erster Linie den Puls. Der steigt proportional zum Tempo an.

Damit das zugegeben etwas anspruchsvollere Handling jenseits 300 km/h den Fahrer nicht ständig überfordert, hat Mercedes im SLR einen extrakleinen Tank montiert (98 Liter). Dies veranlasst den Chauffeur (französisch: Heizer), alle 200 Kilometer einen Tankstopp einzulegen. Wer sich dabei den tollen 100-Oktan-Sprit V-Power von Shell genehmigt, kann ganz nebenbei die Leistung seines Autos noch mal steigern. Zehn Prozent liegen immer drin. Ein Sport-Bugatti mit 1200 Pferdchen – das müsste selbst tagsüber für Durchschnittstempi jenseits 60 km/h reichen. Burkhard Strassmann