Washington

Neues aus Guantánamo! Drei Nachrichten. Die erste lautet: Es gibt Guantánamo noch. Das ist mitteilenswert. Denn das amerikanische Gefangenenlager auf Kuba ist einzigartig auf der Welt. Die Insassen, hängen geblieben im militärischen Schleppnetz des Terrorkrieges, werden in Isolation voneinander und von der Außenwelt gehalten. Sie können, um Recht zu erhalten, keine Institution anrufen oder beklagen. Denn sie leben in einem Landstrich, in dem keinerlei Gesetze gelten, keine amerikanischen, keine kubanischen, keine internationalen. Ein Schwarzes Loch, dessen Existenz täglich neu als Sensation zu werten ist.

Die zweite Nachricht: Es gibt Anzeichen, dass sich daran etwas ändern wird. Die amerikanische Regierung trifft Vorbereitungen für Militärtribunale. Die Namen eines Chefanklägers und eines Chefverteidigers sind nun bekannt. Genauso die Liste der Kriegsverbrechen, die vor den Tribunalen verhandelt werden können. Bis Juli sollen Gebäude zu Gericht und Gefängnis umgebaut und – für den Fall der Fälle – eine Exekutionskammer vorbereitet sein. Das darf insofern als Fortschritt gelten, als für etwa zehn Insassen des Lagers die Zeit der Ungewissheit vorüberzugehen scheint. Bald werden sie erfahren, was ihnen vorgeworfen wird. Bisher weiß man nur, dass es sich um Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer handeln soll. 18 Monate lang sind sie ohne förmliche Ermittlung oder gar Anklage "befragt" worden. Nicht als "Kriegsgefangene" nach Genfer Konvention, sondern – nach Definition der Washingtoner Regierung – als "ungesetzliche Kombattanten". 41 Insassen, dritte Nachricht, sind inzwischen in aller Stille entlassen worden. Das darf nun wirklich als Fortschritt gelten. Es bedeutet aber auch, dass noch mehr als 600 im juristischen Niemandsland vegetieren.

Knapp 200 Meter vor den Zellen liegt der media observation point. Näher kommt niemand an die Gefangenen heran. Das verbietet die Genfer Konvention, erfuhren amerikanische Journalisten hier vom amtlichen Begleiter. Zwar erkennt die Regierung Bush keinem der Insassen den Status des Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention zu, sagt aber, sie behandele alle so, als ob sie es tue. Eine Vorschrift, die rigoros eingehalten wird, ist jene, die verbietet, Kriegsgefangene öffentlicher Neugier auszusetzen. So müssen Journalisten gehörigen Abstand halten.

Seit April 2002 sind die Häftlinge in Camp Delta untergebracht, das Camp X-Ray ersetzt hat, in dem die ersten Insassen in Handschellen, mit Ohropax und Skibrille ankamen. Camp Delta soll moderner sein, besonders wegen der Toiletten, welche die Fäkalieneimer in den Zellen ersetzt haben. Den Berichten zufolge sind vom Aussichtspunkt die Metalldächer des Zellenblocks zu sehen. Die Blocks bestehen aus Stahlcontainern. An drei Seiten jeder Zelle sind die Stahlwände durch Draht ersetzt.

Die Zellen sind etwa 2,15 Meter mal 2,45 Meter groß und damit, wie Joseph Lelyveld in der New York Review of Books bemerkt hat, "kleiner als die Todeszellen von Texas". Dort, in Texas, dürfen die Verurteilten sich jeden Tag duschen und eine Stunde lang bewegen. In Guantánamo ist beides nur zweimal wöchentlich erlaubt, jeweils für 15 Minuten. Und das auch nur, weil es einen Hungerstreik gegeben hatte, wie entlassene Häftlinge jetzt berichteten. Davor durften sie offenbar nur einmal wöchentlich duschen – erst eine, später fünf Minuten lang.

Das eiserne Regiment wird mit der Gefahr begründet, dass sich Selbstmordattentäter unter den Häftlingen befinden könnten. Bei Eröffnung des Lagers sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, unter den Häftlingen befänden sich einige "der gefährlichsten, bestgeschulten und bösartigsten Killer der Erde". Beweise gibt es dafür nicht. Fest steht hingegen, dass in "Gitmo" auch Halbwüchsige festgehalten werden. Drei der Insassen sind erst zwischen 13 und 15 Jahre alt. Ari Fleischer, der Sprecher des Weißen Hauses, meint: "Die werden hier besser behandelt als dort, wo sie herkommen."

Besonders rühmt sich das Pentagon seiner kulturellen Sensibilität. Es handele sich in Guantánamo um die einzige amerikanische Basis, in der fünfmal täglich der muslimische Gebetsruf zu hören sei. Der muslimische Militär-Geistliche, Yousseff Yee, lässt sich mit dem Satz zitieren, die Gefangenen hörten den Gebetsruf von Mekka oder von Medina, "je nachdem, welche CD ich auflege".