Mailand

Lachen ist verboten. Sich empören ebenfalls. Auch wenn einem danach ist, man sollte es lieber bleiben lassen. Das hilft, wenn man das Phänomen Silvio Berlusconi verstehen will, der am 1. Juli Präsident der EU wird; für sechs Monate nur, aber immerhin. Er wird uns Europäer vertreten. Silvio Berlusconi also bitte, zum Auftritt!

Es ist der 11. Juni, ein stickig heißer Tag in Mailand. Im Justizpalast, Abteilung Strafgericht, Saal 1, steht ein Korruptionsvorwurf zur Verhandlung an. Angeklagter: Silvio Berlusconi, italienischer Regierungschef und ab 1. Juli Ratspräsident der Europäischen Union. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Bestechung von Richtern vor, ein schweres Delikt. Berlusconi kommt nicht, obwohl er dem Gericht sein Erscheinen zugesagt hat. Anwalt Gaetano Pecorella gibt als Entschuldigungsgrund "legitime Verhinderung des Ministerpräsidenten" an: Berlusconi weilt auf Staatsbesuch in Israel. "Auf Friedensmission", wie Pecorella betont. Sein Kollege Niccolò Ghedini setzt nach. "Wissen Sie eigentlich, dass in Palästina gestern ein dreijähriges Kind erschossen worden ist?! Es ist unglaublich, ein Mailänder Tribunal will die Außenpolitik Italiens bestimmen!" Er sagt das in die Mikrofone der anwesenden Journalisten, und am nächsten Tag steht es in den Zeitungen, zusammen mit Zitaten einiger Parlamentarier von Berlusconis Partei Forza Italia, die das Begehren des Gerichts als "subversiven Akt" brandmarken.

"Sie bringen allen Ernstes den Tod eines dreijährigen Mädchens in Palästina mit diesem Prozess gegen den Angeklagten Berlusconi in Zusammenhang?", fragt eine Journalistin, und Ghedini antwortet: "Er versucht, Frieden nach Palästina zu bringen. Das Gericht will das verhindern!" Plötzlich wirkt Ghedini so, als sei er sich dieser Behauptung doch nicht recht sicher. In diese Unsicherheit hinein stößt die Journalistin: "Aber Berlusconi hatte genug Zeit, um dem Champions-League-Spiel Manchester gegen AC Mailand beizuwohnen?"

"Aber da", sagt der Anwalt, "da, bei solchen Anlässen trifft man immer hochgestellte Persönlichkeiten, es sind politische Treffen…"

"Gilt das auch für das Abendessen, das Berlusconi mit den Spielern von Mailand einnahm?"

Der Angeklagte geruhte zu erscheinen

Ghedini wird es zu bunt, er schimpft so gepflegt, wie nur ein Anwalt schimpfen kann, und geht. In Sachen Friedensmission Nahost ist noch anzufügen, dass der Angeklagte Berlusconi in Israel die Zeit fand, lang und breit den Fall des Fußballers David Beckham zu kommentieren. Das ist verständlich. Der Fußballclub AC Mailand gehört ihm. Die Bemerkungen über Beckham druckten die Zeitungen pflichtschuldigst ab. Auch das ist verständlich, denn viele Zeitungen gehören ihm ebenfalls. Was er noch nicht in seinem Besitz weiß, versucht er zu vereinnahmen. So geschehen mit der größten italienischen Tageszeitung Corriere della Sera. Vor wenigen Wochen räumte der Chefredakteur seinen Stuhl, offiziell aus persönlichen Gründen, aber es ist kein Geheimnis, dass der Regierungspalast Druck ausgeübt hat, um den Mann loszuwerden. Der Corriere berichtete unter seiner Leitung freimütig über die Anklage gegen Berlusconi.