Am Anfang war der Mann: ein Mann der Tat. Ich setze meine Ideen durch, so sprach der Mann. Ich bin Bergsteiger, ich weiß, dass man durchhalten muss. Meine Mentalität ist die eines Silicon-Valley- Unternehmers. Ich hätte auch als Künstler Karriere machen können. Zum Dilettanten will man mich degradieren – ich kenne jedes Museum der Welt. Ich bin Kosmopolit. Ich male seit 30 Jahren. Ich habe das Talent. Ich bin sehr erfinderisch. Ich habe auch Skulpturen gemacht. Wir brauchen hier in Jena eine lichte Skulptur, die kommt aus Kalifornien. Ich habe Licht.

Herr Johannsmeier! Sind Sie es?

Er hat Licht. Ein jungenhafter Senior flaniert durch Jenas Unterlauengasse, in der Hand ein Erdbeereis. Schaut herüber, lächelt strahlend, tritt herzu. Erfährt unser Begehr: ein Gespräch. Fragt, wie wir über sein Denkmal zu schreiben gedächten. Vermittelnd? Da könnten wir reden, morgen, beim Frühstück im Hotel. Und sehn wir uns nachher zur Grundsteinlegung?

Diese Geschichte spielt um den 17. Juni 2003. Wann sie endet, ist nicht abzusehen. Begonnen hat sie 1955, mit der Inhaftierung des Jenensers Karl Heinz Johannsmeier. Der reiste damals, 29 Jahre alt und Feinmechaniker bei Zeiss, mit dem Motorrad nach Frankfurt am Main. Auf dem Rückweg trug er 100 Westmark bei sich, wurde an der Grenze festgehalten, stundenlang verhört und ins Stasi-Gefängnis Gera überführt. Man eröffnete ihm, einer Anklage wegen Spionage könne er entgehen, falls er bereit sei, seine Zeiss-Kollegen auszuforschen. Zum Schein ging Johannsmeier darauf ein. Er kam frei, ließ seine Braut gen Westen reisen und wollte ihr folgen. Er gelangte bis Ostberlin. In der Stalinallee kaufte er rasch noch ein Zeiss-Fernglas, wobei er den Ausweis vorlegen musste. Ein Jenenser, der in Berlin Zeiss-Produkte erwarb, wirkte wenig heimkehrwillig. Die Stasi griff abermals zu. Wegen Fluchtversuchs, Boykott der DDR und Verstoßes gegen das Gesetz zum innerdeutschen Handel erhielt Johannsmeier sechs Jahre Zuchthaus. Drei saß er ab, in Waldheim und Torgau. 1958 wurde er entlassen und türmte unverzüglich nach Westen. 1960 ging er in die USA.

"Es geht um Freiheit, Licht und Luft und schöne Architektur"

Das Lebensbuch des Karl Heinz Johannsmeier ist 1998 erschienen (Neun Leben sind nicht genug. Mein Weg vom Stasi-Häftling zum Erfolgsunternehmer in Silicon Valley. Lichtenberg Verlag, München). Das Werk erinnert bisweilen an Karl May und Wolfgang Leonhard; auch Rosamunde Pilcher lugt hervor, denn der Autor ist ein Frauenfreund. Alt-Jena ersteht, die Kindheit. Der Vater, Bohemien, hat eine Geliebte; die erschießt er, dazu ihre halbe Verwandtschaft, und richtet am Ende sich selbst. Karl Heinz wächst bei der Oma auf. Der Krieg kommt, Jena sinkt in Trümmer. Die Bombenangst, der allgegenwärtige Tod, der Frieden, die Amerikaner, dann die sowjetische Besatzungsmacht, der Neubeginn, der 17. Juni, das Zuchthaus – Johannsmeier entsinnt sich mit der Herzenskraft des Auswanderers, der seine alte Heimat bei sich sich trägt. Die Neue Welt hat nicht auf ihn gewartet, doch am Ende einer beispielhaften Selfmademan-Karriere steht ein mikroelektronisches Exempel des amerikanischen Traums: vom Immigranten zum Millionär.

Da kommt ein Brief aus Deutschland, im Dezember 2001. Johannsmeier erfährt, er erhalte 18600 Mark Haftentschädigung und dass dies die letzte Zahlung für erlittenes DDR-Unrecht sei. Weder braucht Johannsmeier das Geld, noch gefällt ihm die Abschlussformel, die nach Schlussstrich und Vergessen klingt. Da, die Idee! Ein Denkmal will er schaffen und es Jena schenken: Den Opfern der kommunistischen Diktatur. Wie viele gibt es denn? Johannsmeier erkundigt sich: etwa 400000. Dann entwirft er sein Memorial: zwei Wachtürme, dazwischen eine stacheldrahtbekrönte Mauer, darauf die Namen, wie beim Washingtoner Vietnam-Memorial. Der Schöpfer, wiewohl von seiner Frau gelobt, bemerkt selbst die Monstrosität der Kreation, plant um, zeichnet und zeichnet, baut Modelle, holt sich Rat bei Stanley Saitowitz, der das Bostoner Holocaust-Memorial geschaffen hat. In Jena findet Johannsmeier offene Ohren. Der Stadtrat ist auf seiner Seite, allen voran OB Röhlinger (FDP). Wann kriegt man schon mal was geschenkt. Der Rat beschließt: Das Johannsmeiersche Denkmal wird gebaut, vor der Rückfront des Rathauses, am Eichplatz. Dort kommt täglich ein Drittel der hunderttausend Jenenser vorbei. Zentraler geht’s nicht.

Der Entwurf hat sich inzwischen sehr verändert. Nun ragen vier Stelen, die größte viereinhalb Meter; ursprünglich wünschte Johannsmeier doppelte Höhe. Er findet, zu Jena passe Glas. Es symbolisiere die aufgebrochene Mauer und weise in die Zukunft. Im Boden (farbiger Asphalt) leuchten die Worte Freiheit, Menschenwürde, Wahrhaftigkeit, Zivilcourage. Ein Wasserband lässt an viel Gutes denken. Die Stelen sollen 400000 Namen tragen, aber codiert, nicht in Klartext, aus Datenschutzgründen. Überhaupt bringt der Begriff Opfer Probleme. Sind nicht zum Beispiel Bürgerrechtler Sieger der Geschichte? Und wer zählt? Gewiss die politischen Gefangenen, die Toten. Johannsmeier würde am liebsten auch der drei Millionen Flüchtlinge und Republikauswanderer gedenken. Prekär ist die Phase 1945 bis 1949, die Klientel von 122000 Häftlingen, die in sowjetischen Speziallagern saßen und dort zu Abertausenden verreckten – Nazis wie unschuldig Inhaftierte. Täter wurden Opfer und umgekehrt. Massenhaft hat die Geschichte beider deutscher Diktaturen Doppelbiografien produziert. Und was geschieht, wenn ein Erinnern das andere frisst? Man denkt an Torgau, ans Fort Zinna, wo über 1000 Wehrmachtsdeserteure ermordet wurden. An sie erinnert nicht die kleinste Tafel, doch ein großes Kreuz mit Blumenareal ehrt die Opfer des Stalinismus und der Waldheim-Prozesse, inbegriffen etliche Mörder des Nazisystems.