Ein verfolgtes Stück? Her damit. Natürlich geiferten die Pfaffen beider christlicher Kirchen vor zweihundertzweiundzwanzig Jahren gegen ein Spiel, das dem Zuschauer die bis heute brennende Frage nicht erspart: "Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, / Als Mensch?"

So viel rebellische Frage-Lust war selbst dem Erzvater deutscher Aufklärung, dem Philosophen Immanuel Kant, zu viel. Sein Landsmann in Königsberg, der eher als Gegen-Aufklärer berüchtigte Johann Georg Hamann, gesteht dem Freund Herder, in Weimar immerhin Hofprediger, er habe sich an Lessings Nathan "recht geweidet", während Kant "keinen Helden aus dem Volk der Juden leiden kann". Und er mag sich den bissigen Nachsatz nicht verkneifen: "So göttlich streng ist unsere Philosophie in ihren Vorurtheilen bey aller ihrer Tolerantz und Unpartheylichkeit!"

Kein Wunder, hat es ein Spiel schwer, in dem die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam als gleichberechtigt dargestellt werden, die friedlich fromm nebeneinander existieren können, zum Wohl der Gläubigen. Ein Jahr nach dem Erscheinen konnte in Hamburg, 1780, nur eine Lesung mit verteilten Rollen gewagt werden. Uraufführung erst 1783 in Berlin. Da war Lessing schon zwei Jahre tot. In Wien verhinderten die dort immer wuselnden Drahtzieher von Staat und Kirche noch dreißig Jahre lang jede Aufführung. Was ist das gegen die Schande, dass sich "Großdeutschland" 1933 bis 1945 von den Kultur-Barbaren der Nazis eines der großen Stücke der Weltliteratur für Schule und Bühne verbieten ließ…

Hat Lessing an eine Aufführung seines Dramatischen Gedichts geglaubt? Dem Bruder Karl schreibt er: "Es kann wohl sein, daß mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird. Genug, wenn er sich mit Interesse nur lieset, und unter tausend Lesern nur einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt." Zweifeln lernen: Da ist es, das Hauptwort aller Aufklärung zu allen Zeiten. Dies ist der Urgrund des letzten Dramas Lessings. Auch der Weise ist – und bleibt – ein Zweifler. Das macht ihn groß. Hier ahnen wir etwas von der Unruhe, der Wut, weshalb Lessing dieses Stück geschrieben hat, schreiben musste – mit heiterer Leichtigkeit. Am Abend des 13. Juli 1778 will sich der 49-jährige Bibliothekar der schon damals weltberühmten Bibliothek in Wolfenbüttel an den Schreibtisch setzen, um eine seiner in ganz Deutschland bewunderten Schmäh-Kritiken gegen die Finsterlinge der Kirche zu schreiben. Da klopft es. Ein Bote des Herzogs Carl von Braunschweig, Lessings Brotherr, übergibt einen Brief, nein: einen Cabinetsbefehl. Lessing, an Demütigungen des verschwendungssüchtigen Herrscherhauses gewöhnt: "Ich biß mich in die Unterlippe." Es ist die Geste, die er vom ähnlich jähzornigen Vater, dem Pfarrer in Kamenz in der Lausitz, kennt. Der Herzog verbietet dem einzigen intellektuellen Schriftsteller, der sein kleines Ländchen über den Vorharz hinaus bekannt gemacht hat, weitere Polemik gegen die orthodoxe Geistlichkeit.

Seit vier Jahren gibt Lessing bibelkritische Schriften des Hamburger Theologen und Philosophen Reimarus heraus. Die erregen heftige Gegenwehr der damaligen Fundamentalisten, vor allem des Hamburger Hauptpastors Goeze. Jetzt ist ihm jede Gegen-Rede verboten. Hinterhältig hat Goeze Lessings christentumskritische Argumentation – kurz vor der Französischen Revolution – umgedeutet als Angriff gegen jede Obrigkeit.

Da besinnt sich der Verfasser von Minna und Emilia Galotti darauf, „ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen“ – und schreibt Nathan , eines der zauberhaften, zwischen Tragödie, Komödie, Märchen, Requiem, Lehrspiel, schillernden Stücke, einmalig für das deutsche Theater. Die Nazis haben auch dieses Wunder zerstört: Inzwischen gilt das Märchenspiel mit der Utopie vom Religionsfrieden als „Hohes Lied der Menschlichkeit“ oder als „Wiedergutmachungsstück“, also als Langweilerei. Sollten wir da nicht wieder hören das von einem anderen bibelkritischen Leser, David Friedrich Strauß, 1861 gesungene Lob: Triumphgesang der Vernunft?

Lebensfrisches Spiel von Liebe und Tod, für das auch gilt, was der andere große Dramatiker Deutschlands, Kleist, am Ende seines Prinzen von Homburg seinen Landsleuten zu bedenken gibt: „Ein Traum, was sonst.“