George Steiner, der Einmannchor in unserem munteren Abgesang auf die Kultur, hat jüngst vor Publikum aufgeseufzt: "Wo liegen jetzt die großen jungen Hoffnungen im Gedanken? Wo sind seit Thomas Bernhard und Canetti die großen Stimmen?" Dieser Mix aus Bernhard und Canetti gefällt mir, denn er bringt Unvereinbares unter den einen Hut der Größe: In einem seiner Aufzeichnungsbände hat Elias Canetti missgünstig von einem namentlich Nichtgenannten gesprochen, der am Schluss doch so etwas wie "ein Werk" zusammengebracht habe. Bernhard wiederum hat Canetti mit "Schmalkant" und "Kleinschopenhauer" bedacht, und es ist klar, dass ihm am Widerpart das Ernsthafte auf die Nerven ging, das in dieser lachhaften Welt ja tatsächlich eine Art von Anmaßung darstellt.

Mit Vorliebe wird Bernhards Holzfällen. Eine Erregung empfohlen. Dieses Buch begeistert den Großkritiker und die junge Theologin, die Hofratswitwe und den belesenen kleinen Mann auf der Straße. Das hat, wie ich unterstelle, einen schnöden Grund: Holzfällen ist aus jenem Stoff geformt, der die intellektuelle Welt im Innersten zusammenhält, nämlich aus Tratsch und aus seinen Chancen, Menschen abzuwerten. Ich empfehle dagegen, um sich Bernhards große Stimme anzuhören: Auslöschung. Ein Zerfall, und mein von der Warenästhetik scharf gemachter Blick zieht die Taschenbuch-Ausgabe vor, ein schwarzes suhrkamp taschenbuch, auf dem mit silberner Schrift der Name des Autors und der Titel des Buches gedruckt sind.

Gut zu lesen ist das Buch vor allem während der Kirchentage. Ich las es wie die Bibel, als im Zusammenhang mit dem religiösen Event das vernünftige Gebot, dass man Vater und Mutter ehren soll, heillos übertrieben wurde: ohne elterlichen Segen kein Kinderglück; hinter jedem Menschen von heute stünden ungefähr eine Millionachtundvierzigtausend Vorfahren, eine "geballte Ladung an Liebe und an Kraft, ein Segen, der mich trägt". Auslöschung ist das Protokoll eines Menschen, der seine Wurzeln nicht sucht, sondern der sie loswerden möchte: Dieser Murau verachtet Vater und Mutter, die beiden Schwestern und seinen Bruder – aber nicht allein aus eigener Schlechtigkeit. Es ist in der Tat ein Segen, wenn man mit den Eltern eins ist, aber es gibt für manche Menschen einen höheren Wert als diese (im Übrigen gern geheuchelte) Einigkeit: Rechenschaft ablegen in aller Wahrhaftigkeit.

Murau hat sich in Rom niedergelassen und führt dort das Leben eines "Geistesmenschen". Er neigt dazu, ein "Vordenkopfstoßer" zu sein, auch gegen "Bildungsdummköpfe", die vieles wissen und keine Ahnung haben. Er ist der Sohn einer reichen Familie, die im Oberösterreichischen ein Gut besitzt. Die Eltern und der Bruder sterben durch einen Autounfall – und mit einem Mal wird der Geistesmensch zum Gutsherrn. Murau ist ein klassisches modernes Individuum: gereizt, ständig in Ambivalenzen verstrickt, die Reflexion treibt ihn von einer Seite auf die andere, seine Selbstbehauptung funktioniert nur, indem er sich mit der eigenen Gemeinheit gemein macht; sie vor sich selbst nicht abstreitet, sondern sie, um es im Psycho-Jargon zu sagen: in die Persönlichkeit integriert.

In Auslöschung. Ein Zerfall münden viele Motive Bernhards in den Erzählstrom. Auch auf Goethe, "den philosophischen Daumenlutscher der Deutschen", fällt naturgemäß etwas ab. Wunderbar die Darstellung eines Erzbischofs, der so kirchenfürstlich heuchelt, dass er nicht nur abstößt, sondern wegen des virtuosen Aufwands seiner Verlogenheit auch fasziniert. Das zentrale Thema der Auslöschung ist aber die Ungeistigkeit, die aggressive Geistlosigkeit (österreichischer) Eliten: Jeder denkende Mensch, und stammt er auch aus der eigenen Familie, wird zum Außenseiter gestempelt. Diese Gutsbesitzer, katholisch und seinerzeit nationalsozialistisch, sind ein innerer Kern österreichischer Herrschaft, wie sie erst jetzt allmählich vergeht – oder vielleicht doch in einer neuen Generation gerade jetzt wieder auflebt?

Bei denen, die Bernhards Stimme gern hören, weil sie jemanden brauchen, dem sie aufs Wort folgen können, erstaunt mich eines: Sie rechnen (wie Claus Peymann) den Dichter einem Humanismus zu, der den Vorrat des menschlichen Gutseins unendlich bereichert. Wie in Canettis Blendung tritt das Böse in Bernhards Texten unvermittelt hervor. Bernhards Texte schildern das Böse nicht bloß, sie sind selbst nicht gut gemeint – und wenn sie’s einmal sind, so wie in der Schlusspointe der Auslöschung, dann wird’s erst richtig schlimm!