Die letzten schnurgeraden Meter des Anflugs. Der Einschlag. Noch ein Wimpernschlag bis zur Explosion. Rauchwolken, Feuer. Bilder, die sich als medialer Loop ins kollektive Bewusstsein geschraubt haben. In Max Färberböcks Film September werden sie zu einem nahezu extraterrestrischen Impuls, der die Menschen in irgendeiner deutschen Stadt erreicht und die Qualitäten eines privaten Menetekels annimmt. Die Katastrophe zwingt zum Innehalten, zur Umkehr, zur Konfrontation. Sie löst Schreib- und Ehekrisen aus, pusht Karrieren oder unterbricht sie. Mit fast göttlichem Gestus verwirrt sie Gespräche und Emotionen und hält doch für manches Schäflein eine Chance bereit.

Als mysteriöse Druckwelle erreicht das Attentat vom 11. September hier ein bleiern verhangenes Deutschland, das schon lange auf eine Erschütterung gewartet zu haben scheint. In der leeren Aula, in der der Sohn des SEK-Einsatzleiters Helmer (Jörg Schüttauf) seine Klavierstunde hinter sich gebracht hat, springt mit einem Knall ein Fenster auf. Das sorgt für symbolischen Durchzug, der im folgenden Helmers Versagen als Vater und Ehemann einer herzkranken Frau offenbart. Die Nochgattin eines unterkühlten Vermögensberaters versenkt sich beim Anblick der ersten TV-Bilder hingebungsvoll ins fremde Leid, schließlich macht es die Trauer um die eigene Ehe kurzfristig erträglicher. Ein pakistanischer Pizzabäcker mit Lieferservice freut sich über die Umsatzsteigerung, und der erfolgsorientierte Schriftsteller Baumberger (Moritz Rinke) erprobt sich im Feuilleton als linksintellektueller Hasardeur und Querschläger. Fünf Episoden (verfasst von John Düffel, Sarah Kahn, Matthias Pacht, Moritz Rinke und Maria Scheibelhofer), die sich unter Färberböcks Regie zu Short Cuts fügen sollen, in denen der "Tag des Terrors" auch die Peripherien des Alltäglichen erzittern lässt.

Doch anders als im vergangenen Jahr der internationale Episodenfilm 11´09´01 verspielt September die Chance, die emblematischen Fernsehbilder in eine Vielfalt der Wahrnehmungen und Empfindungen aufsplittern zu lassen. Im Gegenteil, mit einer Ästhetik, die ihre Hilflosigkeit durch stumpfes Pathos übertüncht, zieht der Regisseur das Ikonografische ins Private. Jeder Episode ihre Aureole.

Bis sich im kühlen Blaugrau der zynisch-mechanistischen Welt von September ganz andere Dimensionen auftun. Kein Tuch, das nicht in dramatischer Slowmotion zu Boden fällt. Keine Muslime, die nicht in rätselhafter Langsamkeit zur kritischen Besichtigung freigegeben werden. Kein noch so kleiner Blick zur Seite, der nicht wie eine Kostbarkeit gehandelt wird. Und immer wieder Jungen mit Spielzeuggewehren und fragendem Blick. Oder tobende Kinder, über die sich gigantische Staubwolken legen, die den Nachwuchs als Boten einer unheilvollen Zukunft kennzeichnen. Splitted screens, Doppelbelichtungen, Sandwich- und Parallelmontagen – indem Färberböck Bilder addiert, fahndet er nach einer neuen Riesenmetapher, um das Große und Geschichtliche mit dem Kleinen und Alltäglichen zu verzahnen. Das wirkt weniger verstörend als ratlos. Und hat mehr von einem Allianz-Werbefilm, in dem das Schicksal aus den Kulissen raunt, als von einem Experiment, das die Auswirkungen eines weltpolitischen Schocks auf die Biotope des Privaten verfolgen will.