In der Nacht, es war Anfang August, hatten die jungen Leute in einem Dorfgasthaus in Kroatien Halt gemacht, ihre Musikinstrumente ausgepackt und gejazzt, zur Freude der Einheimischen, und dazu hatte man viel Wein getrunken. Am nächsten Morgen, genauer gesagt kurz vor Mittag, denn früher war an ein Hochkommen nicht zu denken gewesen, bewegte sich die kleine Kolonne aus drei Volkswagen über eine Straße, die in der jugoslawischen Landkarte hoffnungsvoll als "demnächst fertig gestellt" verzeichnet gewesen war. Sie war verlockend, eine Abkürzung, die einen halben Tag Umweg zu sparen versprach. Sechs Münchner Studenten mit ihren Gymnasiastinnen-Freundinnen, Instrumente, ein Schlagzeug inbegriffen, waren auf dem Weg an die Adriaküste. Meinen hellblauen VW, Baujahr 1955, schon mit ungeteiltem elliptischem Heckfenster, hatte ich drei Monate zuvor gekauft, für 1500 Mark. Um das Geld zu verdienen, hatte ich Tanzmusik in Jazzkellern gespielt, als Hilfsarbeiter auf dem Bau Sand geschaufelt, Gurken-Dosen im Feinkost-Import gestapelt und als Bäckereigehilfe gejobbt.

Die Erinnerung an die glückhaft überwundenen Hindernisse auf dem Weg zum eigenen Auto trug sicherlich zu dem Hochgefühl jener Ferien bei. Die Straße war so verwirklicht wie das Projekt des Sozialismus, unsere Autos rüttelten im ersten Gang die Karstberge hinauf, und dass sie überhaupt vorwärts kamen, war eine Folge des vorzüglichen VW-Hinterradantriebs. Einem der Mädchen wurde schlecht, es musste sich übergeben, entweder vom Wein oder vom Geschaukel der Autos. Oben auf dem Bergkamm war die Straße nichts anderes als eine Schneise, in die Kalkfelsen hineingesprengt. Wir rumpelten hinunter, dorthin, wo das unbeschreibliche Blau des Meeres lockte. Uns begegneten riesige Straßenbauraupen sowjetischer Herkunft, hoch droben saßen halb nackte Fahrer, die uns komplizenhaft mit unanständigen Gesten grüßten, sobald sie unserer Reisegefährtinnen ansichtig wurden. Wir hofften, diese würden die drastischen Fingerspiele nicht bemerken; man schrieb das Jahr 1964, Oswalt Kolles Lockerungs-Feldzug hatte gerade erst begonnen. So eng Mädchen und junge Männer in den VWs zusammengepfercht waren, so selbstverständlich war es andererseits, dass die beiden Geschlechter in separaten Nachtquartieren schliefen.

Dann, die geteerte Adriatica war in der Ferne schon zu sehen, tat es einen Schlag, und der Ton meines VW kippte vom Handrasenmäher-Klang ins Donnern. Anhalten, Hinknien und das Vermutete konstatieren: Der Auspuff war zur Hälfte weggerissen. Donnernd kam ich noch ins erste Küstenquartier. Von einer VW-Werkstatt war nichts zu sehen, also wurde nachgedacht. Es erwies sich, dass eine gerade gekaufte Paprika-Konservenbüchse exakt den Durchmesser des Auspufftopfes hatte. Die Konservendose wurde halbiert und an den Rändern gelocht, desgleichen der Auspufftopf, schließlich wurde beides mit Draht zusammengenäht. (Zwei Wochen später musste die zweite Seite ebenso behandelt werden.) Ende August fuhren wir von Split aus heim – in einer 14-stündigen Tag-und-Nacht-Fahrt. In den eiskalten Kärntner Bergen gab die Heizung ihren Geist auf. 40 Kilometer vor München, es war halb vier Uhr früh, löste sich dann das Auspuffgebastel auf, durchglüht vom Dauerbetrieb. Das Donnern fing wieder an. Wäre das Umweltbewusstsein damals so empfindlich entwickelt gewesen wie heute, wir wären nicht unbehelligt nach Haus gekommen.

Eine VW-Geschichte, eine von ungezählten, die gestapelt sind im Gedächtnis der Deutschen. Meine entbehrt jeder Dramatik, sie kann sich nicht messen mit den "Abenteuern im VW", den Wüsten- und Eis- und Schnee-Durchquerungen, den Marathons und Rekorden, die man mit dem Käfer vollbracht hat und die es gedruckt längst gibt. Aber sie ist eben meine VW-Geschichte, mir lieb und wert, und damit geht es mir nicht anders als den anderen im VW Sozialisierten. Löste man nur in einer massenhaften oral history die Zungen und öffnete die Fotoalben der Deutschen, eine Springflut des "Weißt du noch" ergösse sich über uns. Die Generationen, die zwischen den sechziger und den achtziger Jahren zu Vollbürgern der modernen Industriegesellschaft wurden, indem sie eine "Fahrerlaubnis" erwarben oder als Kinder und Jugendliche auf den Rücksitzen des VW in die Welt gefahren wurden, verbinden einen gewaltigen Teil ihrer Lebenserinnerung mit dem buckeligen Gefährt aus Wolfsburg.

Erinnerungen und Fotoalben – zugeparkt mit VW Käfern

Meine Erzählung von der Adria-Fahrt der braven Münchner akademischen Jugend hat keine VW-Pointe; sie hätte keine Chance in einer Fan-Zeitschrift. Auch für eine Kulturgeschichte der deutschen Erotik gibt sie nichts her, in der der Käfer als Ort des ungestörten Rendezvous in einer Gesellschaft der Wohnungsnot viel Verschwiegenes mitzuteilen hätte – wenngleich niemand sich jemals zu einer Parallele zu dem wohlbekannten Bonmot verstiegen hat, eine ganze Generation von Amerikanern sei im Ford T-Modell ("Tin Lizzy") gezeugt worden. Die Pointe meiner Geschichte ist, dass wenige Monate später eines der Paare heiratete und sein erstes Kind bekam, sieben Monate nach der Balkan-Reise, dass also die Übelkeit auf der Bergfahrt den schönsten natürlichen Grund gehabt hatte. Daraus wurde eine glückliche Ehe, bis heute, obwohl der Anfang misslich war: Das Mädchen musste damals die Schule verlassen und durfte wegen ihrer Schwangerschaft das Abitur nur extern machen – das waren Zeiten!

Paläontologen kennen den Begriff des "Leitfossils" zur Charakterisierung ihrer Epochen. Das Leitfossil taucht in den verschiedensten Zusammenhängen auf. Hat man es definiert, wird die Einordnung der anderen Phänomene ringsherum einfacher: Sie fügen sich in eine chronologische und motivische Ordnung. Haben wir also in der VW-Käfer-Zeit gelebt? Wenn ja: Wann begann sie? Was waren ihre Charakteristika? Und endet sie nun, da in Mexiko die letzten echten Käfer vom Band laufen und nur noch das komödiantische Nachspiel des New Beetle bleibt?

Die Käfer-Zeit spannt sich von der Morgenröte der Motorisierung im bürgerkriegsbedrohten Deutschland von 1931 bis zur sozial balancierten Industriegesellschaft. Die immer weiter fortschreitende Technisierung und damit die Beschleunigung ist das Gemeinsame all dieser Jahrzehnte. Aber für die fundamentalen moralisch-ethischen Gegensätze zwischen den Gesellschaftsformen liefert das Leitfossil keine Erklärung. Nie ist es gelungen, den Erfolg des Käfers als "schwarze Geschichte" zu schreiben, als Kontinuität der NS-Zeit zu denunzieren. Niemand hat das kabarettistische Wortspiel "Vom Führer zum Führerschein" je ernst genommen. Zu friedensstiftend war die VW-Wirkung nach 1945. Gönnte man sich riskante historische Vermutungen, ließe sich höchstens die Frage stellen, ob das Motiv des ruhelosen Raumgreifens in der neueren deutschen Geschichte nicht erfolgreich therapiert worden sei durch Massenmobilität zu harmlosen Zielen.