Kettenreaktion.

Wer ist der schlimmste Schurke, wenn der schlimmste Schurke beseitigt ist? Richtig. Der ehemals zweitschlimmste Schurke. George Bush hat Iraks Nachbarn auf der Achse des Bösen, Iran, vergangene Woche noch einmal klar gemacht, dass Amerika nicht tatenlos zusehen werde, wenn das Mullah-Regime sich anschicke, Atombomben zu entwickeln. Und das Volk steht hinter dem Präsidenten: 56 Prozent der US-Bürger, fanden die Washington Post und der Fernsehsender ABC bei einer Umfrage heraus, wären notfalls für eine Militäraktion. Sind sie da wieder, die kriegslüsternen Amerikaner? Von wegen.

Verglichen mit den Europäern, sind sie ganz müde peacenics. Denn beim jüngsten EU-Gipfel in Griechenland waren sich 100 Prozent der hiesigen Staats- und Regierungschefs einig: Staaten, die verbotene Rüstung betreiben, sollen künftig bös was auf die Mütze bekommen. Allenfalls eine gewisse Unbekümmertkeit darf man den Amis vorwerfen. Etwa ein Viertel von ihnen glaubt nach der Umfrage nämlich auch, dass ihre Soldaten im Irak-Krieg mit Bio- und Chemiewaffen beschossen wurden. Wenn das so ist, dann sollte man doch wohl etwas zurückhaltender sein ...

Darmverschlingung.

Nach einem harten Tag in Istanbul ist nichts schöner als der Biss in ein Sandwich mit herrlich geröstetem Schafsdarm. Gleich beim Fähranleger am Bosporus raucht das Feuer aus der Imbissbude. Drinnen brutzelt braun und knusprig der kokorec, ein fettiges Stück alter türkischer Tradition, bestehend aus einem getoasteten Weißbrot und den kräftig durchgebratenen Darmschlingen. Draußen wischen sich die Pendler wohlig brummend das Bratöl vom Kinn. Türkische Alltagsidylle. Diese wird nun aus dem fernen Brüssel bedroht. Denn will die Türkei europafit werden, muss sie sich den Lebensmittelbestimmungen der EU unterwerfen. Und die erlauben es seit der BSE-Krise nicht mehr, Schafsdärme in ihrer ganzen unendlichen Länge für Nahrung zu verwerten. Nun ist die Türkei bereit, für Aufnahmeverhandlungen mit Brüssel fast alles zu tun: den Kurden den Gebrauch ihrer Sprache zu erlauben, Christen und anderen Nichtmuslimen das Recht auf Landerwerb einzuräumen, ja gar die Armee zu verkleinern. Doch den Schafsdarm von der Speisekarte zu streichen, das geht zu weit. Kein echter Türke könnte diesen Brocken schlucken. Die EU-Kommission hat vor der erneuten Prüfung des türkischen Antrags 2004 nur eine Alternative: die Lebensmittelbestimmungen zu lockern oder die Erweiterung über den Schafsdarm platzen zu lassen.