Assia Djebar: Frau ohne Begräbnis - Roman - aus dem Französischen von Beate Thill - Unionsverlag, Zürich 2003 - 223 S., 17,90 e

"Ich habe beschlossen heimzukehren, zwanzig Jahre später, zwanzig Jahre zu spät, um die Geschichte von einst wieder aufleben zu lassen." Indem die 1936 in Algerien geborene Schriftstellerin, Filmemacherin und Historikerin Assia Djebar sich auf die Suche nach Zoulikha, der Frau ohne Begräbnis, begibt, erhellt sie zugleich ihre eigene Geschichte. Es ist eine Grundkonstante, die in ihren Texten, ihren Filmen und Vorträgen immer wieder auftaucht: die Identitätssuche zwischen alter und neuer Heimat, im Übergang von kolonialer zu postkolonialer Kultur. Zugleich eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft.

Das Französische, die "Sprache der Eroberer", die zu ihrer eigenen geworden ist, ist bei ihr immer wieder durchsetzt von Einflüssen des Arabischen.

Ähnliches gilt für die Form: Djebars jüngster Roman nähert sich der Kämpferin Zoulikha, der "Heldin von Caesarea", in einem kunstvoll gestrickten Chor von Stimmen, der nach und nach die Erinnerungen an eine außergewöhnliche Frau aufscheinen lässt. Zoulikha knüpfte unter den Frauen der Stadt ein Netz des Widerstandes gegen die französischen Besatzer. 1957 floh sie in die Berge, wurde von der Kolonialarmee gefasst und verschwand. In vier zwischen die einzelnen Kapitel gefügten Monologen imaginiert Djebar Zoulikhas zärtliche Rede an ihre Tochter, an Mina, die zusammen mit ihrer Schwester Hania, Zohra Oudai und Lla Lbia, der Wahrsagerin, dieses Oratorium schwebender Stimmen anführt.

Die Erzählerin ist hier nur die "Besucherin", die "Fremde", die doch selbst Teil einer Geschichte ist, in der die Bomben in der Hauptstadt Algier das entfernt-gegenwärtige Echo der algerischen und der Kolonialgeschichte sind.

Markus Zinsmaier