Wir befinden uns im Jahre sechs p.H.P. Die ganze Welt ist von Rowlings zauberhaften Geschöpfen besetzt… Die ganze Welt? Nein! Ein paar unbeugsame Buchhandlungen leisten Widerstand. Von einem Bookstore in Brooklyn wird berichtet, dessen Besitzer steif und fest behauptet, nie von Harry Potter gehört zu haben und deshalb das neue Werk ohne Wissen um die drakonischen Strafen des Konzerns vor null Uhr verkauft zu haben. Doch sind dies Rückzugsgefechte, zwischen Chuzpe und muggelhafter Ignoranz schwankend, die Buchhandlungen haben weltweit Gelb-Rot-Blau geflaggt. Selbst im Abholregal der Intelligenzija-Buchhandlung leuchten die ziegelsteindicken Rücken von Harry Potter and the Order of the Phoenix.

Ein wundersamer Samstagmorgen mitten in Deutschland, um 10 Uhr mit einem englischen Buch streng geheimen Inhalts, kein Drängeln, keine Kinder, aber 30-mal solide 16,80 Euro, Kreditkarten werden gezückt. Schon wirkt der Zauber. Während der Umsatz von Büchern weiter rückläufig ist – dramatisch gesunken im Frühjahr –, war der Kinder- und Jugendbuchumsatz ständig gestiegen, erreichte 2000 den Spitzenwert von 502 Millionen Euro, um in den potterlosen Jahren auf 455 (2001) auf 401 Millionen Euro (2002) zu sinken. Von den "Segnungen des Phänomens" spricht trotzdem der Verlagsleiter des Beltz & Gelberg Verlags Ulrich Störiko-Blume. Der Erfolg habe mit den "dumpfen pessimistischen Theorien aufgeräumt, dass Kinder nicht lesen, vor allem keine dicken Bücher, und man Jungs ohnehin abschreiben kann". Die großen Häuser hätten endlich bemerkt, dass Kinderbücher ein Geschäft seien. Auch Klaus Humann, Geschäftsführer des mit den deutschen Rechten "gesegneten" Carlsen Verlags, schwärmt vom "neuen Standing" der Kinderliteratur: "Dass es überhaupt um ein Buch eine so weltweite Aufregung gibt … das ist doch toll, das ist ein Traum!"

Keine Frage, dass der Sieg des kleinen Kinderbuchdorfes über die Hegemonie der Erwachsenenliteratur Freude auslöst, und doch verändert der Marktmechanismus jene Gemeinde, die bis dahin in liebenswerter Inzucht ihren Bilderbuchalltag lebte. Die Rede ist nicht von der natürlichen Vermehrung von Zauberern und Hexen – Aufspringen auf einen fahrenden Zug gilt als branchenüblich –, vielmehr meint es die Bestseller-Hysterie im Lizenzgeschäft. Der nächste englisch sprechende Harry darf um keinen Preis übersehen werden! Das animiert sowohl zur hektischen Hatz auf Talmi wie Molly Moon ("Es ist eines der wenigen Bücher, die Harry Potter Konkurrenz machen können", so der Leiter des Hanser Kinderbuchverlags Friedbert Stohner), das verführt müde gewordene Erwachsenenautoren wie Isabel Allende, ihr Glück im Fantasy-Land zu suchen. Und wie der große Bruder (ab 18) konzentriert sich der jüngere jetzt auf ein oder zwei Spitzentitel im Programm, die es auf die "ZL-Listen" der Buchhandelsketten schaffen sollen. Wem der Sprung auf die Zentrallager-Liste gelingt, dem winkt die Stapelpräsenz vor dem Käuferauge. Remissionen inbegriffen.

Ob sich das überquellende Konvolut dieser sympathischen Autorin, der man den Erfolg uneingeschränkt gönnt, langfristig zum Glück oder Schaden des kleinen Dorfes auswächst, liegt noch immer in spekulativem Dunkel. Eine Studie von Gallimard, die das Leseverhalten von 600 Potterianern untersucht, ist noch nicht zitierfähig, von einer signifikanten Zahl von Kindern, die durch Joanne K. Rowling zum Buch gekommen seien, ist aber ebenso die Rede wie von einer Menge Leser, die Potter und nichts als Potter wollen. "Die kaufen einfach ein Phänomen", sagt Klaus Humann, "die würden sonst überhaupt kein Buch kaufen". Effenberg und Bohlen grüßen von ferne. Eine fünfstellige Bestellziffer für die englische Ausgabe des fünften Bandes nennt die Dame einer deutschen Bücherkette und versichert, der eigenen Kinderbuchabteilung werde nichts weggenommen, es kommen vor allem erwachsene Jugendliche.

„Warte doch bis November!“, giftet der große Bruder. „Das ist meine Sache“, nölt die 14-jährige Schwester. „Wieso, wenn sie’s in Englisch lesen will, find ich doch gut“, befriedet die Mutter, und legt das Buch (vorläufig) wieder zurück. Am 8. November wird’s finster für die anderen Verlage. 28,50 Euro für 1000 deutsche Carlsen-Seiten, da bleibt wenig für den weihnachtlichen Rest. Nicht jeder wird beim Bankett singen. Und doch: Das Weltdorf feiert die Rückkehr seiner geliebten Helden.