Der dritte Roman, die dritte Explosion – das erwartet jeder, der die ersten beiden der Susanne Riedel gelesen hat: eine Explosion von Talent, von Sprache, von Erzählwelten, die es so grell und dunkel außerhalb dieser Bücher nicht wirklich gibt. In Kains Töchter war das eine in schwüle Wirbel von Aggression, Verschweigen, Inzest hineingerissene Familie, in Die Endlichkeit des Lichts exaltierten dann Medienszenen und -figuren aus der Realität ins Virtuelle. Und nun?

Der neue Roman liest sich wie eine lange, lange Zündschnur. Sie pufft, zischt, sprüht, qualmt, sie kriecht zündelnd voran, man sieht (zu früh) das Ziel, doch es rückt und rückt nicht näher. Auch Riedels immer wieder auf höchste Expressivität hochgepeitschten Sätze hemmen den erzählerischen Fortgang. Da darf kein Tropfen Regen fallen, kein Ginster blühen, kein Lächeln erscheinen, ohne gleich in eine geistreiche Metaphernmaschine hineingedreht und sich entfremdet zu werden. Dieser Hang freilich zu steilen Manierismen, zu einem Fortissimo des Ausdrucks war schon in den ersten Büchern das Markenzeichen der Autorin. Doch dort und damals gab es auch etwas zu beißen, zu mahlen.

Diesmal erlebt man zunächst nur eine hocherhitzte Schreiblust auf der Suche nach einem Gegenstand, Widerstand, nach einem Thema. Da ist Hannes, ein Molekularbioge aus Deutschland, seit über dreißig Jahren drüben in den Staaten und fast ebenso lange verbunden mit Sharon, Psychologin an der gleichen Universität in Philadelphia, beide über sechzig inzwischen, immer noch unverheiratet, aber unermüdlich im Eheclinch, im routinierten Austausch offener und verdeckter Enttäuschungen und Aggressionen. Es fällt schwer, Partei zu ergreifen, so unerfreulich, unsympathisch wirken sie beide, er mit seiner hinterhältigen Feigheit, sie mit ihrer gnadenlos öden und frischen Angriffslust. Geraten wir in einen Sketch über die transatlantische Entfremdung, reduziert auf ein verzanktes Paar?

Hannes immerhin ist privilegiert, da eingesetzt als Erzähler. Er lebt, so beteuert er ein bisschen zu oft, überzeugt und gern in Amerika. Sein Bericht allerdings ist vergiftet vom Ressentiment gegen Land und Leute, gegen die Masken aus Frohsinn und Positivität, mit denen dort alles überzogen scheint, ob auf dem Campus oder am Strand von Florida. Und mit ihm und neben ihm lebt Sharon als Inkarnation dieser falschen Frische, dazu noch begabt und geschlagen mit einem Psychologinnenkopf, der ihn fortwährend so banal wie tückisch analysiert, ohne ihn therapieren zu wollen. Für sie soll dieser Hannes offenbar der typische Deutsche bleiben, tief lächerlich und lächerlich tief, schuldbewusst und schuldverdrängend, mit der einzigen Alternative: "Werther sein oder ein Messerschmitt-Flugzeug."

Wie sich die beiden dreißig Jahre lang ausgehalten haben, bleibt unerfindlich. Doch nun ist etwas Schreckliches und Dunkles zwischen sie gefahren, hat sie endgültig auseinander gerissen und getrennt, den tristen Biologen zurückgeschleudert in sein altes Berlin, für ihn wie ein Vorort von Weißrussland, in dem er nun brütet und schreibt und uns gemeinsam mit der Autorin in Spannung zu halten versucht. Das Dunkle, das Schreckliche soll noch über zweihundert Seiten geheim bleiben, doch seine Vorgeschichte, die letzten Wochen des Fights von Sharon contra Hannes, muss rekapituliert werden. Leider ahnt man zwar bald das Geheimnis, nur nicht, warum der Roman es so lange verdeckt hält. Da er doch sonst sprüht vor Überdeutlichkeiten und die Klappe kaum halten kann.

Denn Susanne Riedel kann durchaus böse brillieren, wenn sie umschaltet auf Satire und Menschen als Karikaturen kenntlich und flach macht. Sie wütet sich mit dieser Gabe über ein Herbstfest auf dem Ami-Campus, über den Strand von Florida, durch die Berliner U-Bahn und über den Ku’damm ("eine polnische Drogerie"). Sie schickt ihrem Protagonistenpaar, um seine Streitroutine aufzumischen, drei deutsche Knallchargen vom Kulturaustausch in den Ring, den feierlich verdooften Prof, einen jungen Edeljournalisten und eine Lifestile- und Bestseller-Ziege.

Erweiterung der Kampfzone also, auch des Themenkreises. Eine schier endlose Debatte über Deutschand und die Deutschen zischt und sprudelt und giftet nun durch das Buch und ins gute Gewissen, samt allen einschlägigen Unterdiskursen, über Erinnerung und Amnesie, die falsche und die richtige Schuldkultur, die Flucht aus der Geschichte, Vaterlandsliebe, Verantwortung. Eine Dauertalkshow, bitter, lächerlich, irre redundant, vor stark wechselnden Kulissen, bald beim Truthahnessen, bald am Karibischen Meer, bald am Eriesee, jede Szenerie immer reich bedient mit Riedelschen Sprachraketen, leuchtenden und nassen. Viel Aufwand, doch nichts geht voran.

Fightend im Ring weiterhin Sharon und Hannes, beide zwar längst stehend k.o., doch sie hämmern weiter aufeinander ein, er immer noch verdeckt, sie mit langen schnellen Geraden. Der Schlagaustausch soll offensichtlich über zwölf Runden gehen, und die Runden ähneln einander sehr. Sharon landet immer härtere provokative Treffer auf ihrem typisch deutschen Hannes, und der tut typisch deutsch so, als zeige er keine Wirkung. Sie leidet, wütend. Er ist nur feierlich, säuerlich geschmerzt. "Ich war unschuldig. War alle und alles, die Welt, der Wahn und der Himmel", seufzt er in Berlin. Hätten Sie’s nicht etwas kleiner?, fragt in solchen Momenten die Berliner Schnauze.