Je länger über die Abgründe der Rentenpolitik diskutiert wird, desto deutlicher wird der bedrohliche Unterton des Wortes "Altersvorsorge": Ob sich durch ausgiebiges Vor-Sorgen spätere Sorgen wirklich abwenden lassen? Wie soll man in dieser Unsicherheit noch sein Leben, geschweige denn seinen Lebensabend planen? Der Ethikrat spielt mit dem Gedanken an einen Plan B.

Rache des Lebens: War es nicht der Stolz der Moderne, Angst und Unsicherheit zu besiegen? Stattdessen machen neue Ängste sich breit, vor allem die Angst, die Absicherung gegen Ängste zu verlieren. Die lange Zeit der Sicherheit, Versicherung, Absicherung gegen alles und jedes hat die modernen Menschen entwöhnt: Ein riskantes Leben können sie sich nicht mehr vorstellen. Das ist also der Preis der Sicherheit: Je mehr sie gelingt, desto schlimmer wird das Entsetzen bei jedem Kratzer, den sie erleidet. Und die alte Frage steht erneut im Raum: Was ist eigentlich Leben? Lässt sich das Leben planen?

"Ja, mach nur einen Plan", heißt es in Bertolt Brechts Dreigroschenoper. "Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch ’nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht." Dieses Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens ist ein einziger Abgesang auf die Planbarkeit, denn das, was "dazwischenkommt", ist eben das Leben in seiner Unvorhersehbarkeit, sind Lug und Trug, eigene Dummheit, die Schlechtigkeit des Lebens, Selbstbetrug. Es zeigt sich ein chaotisches, unentwirrbares Durcheinander von Aktion und Reaktion, Tun und Lassen, Auf und Ab, Vor und Zurück, Um- und Abwegen: All das ist Leben, kein Plan kann ihm beikommen und wenn doch, dann allenfalls um den Preis, sämtlicher Spannung und Abwechslung verlustig zu gehen. Durchaus kann es Sinn machen zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich daran halten, eher, um einen Anhaltspunkt zu gewinnen, anhand dessen sich messen lässt, wie "anders als gedacht" es dann kommt.

Das Gegenmodell zum Plan ist das Spiel. Es steht der Kreativität, Inspiration, Improvisation offen. Könnte das Leben zum Spiel werden, bedürfte es keiner absoluten Absicherung mehr. Endlich könnte der berühmte Satz wahr werden, der Mensch sei "nur da ganz Mensch, wo er spielt", dort also, wo er nicht bloßer Notwendigkeit folgt, wie Friedrich Schiller im 15.Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts von 1795 meinte. Steht dem nicht der Ernst der Verhältnisse entgegen? Aber der Satz vom Menschen, der spielt, gewinnt, so Schiller, erst dann seine "große und tiefe Bedeutung", wenn er auf den ganzen existenziellen Ernst von Pflicht und Schicksal angewandt wird, um auf spielerische, gestaltende Weise damit zu verfahren. Nur so lässt sich auf der Grundlage des Satzes vom Menschen, der spielt, das gesamte Gebäude der Kunst und, wie Schiller betont, der "noch schwierigeren Lebenskunst" errichten.

Wenn das Leben als Spiel verstanden werden soll, muss die Lebenskunst ein Spiel mit dem Widrigen sein können. Nicht zu ändern ist, dass es Widriges gibt, aber es bleiben uns noch ein paar Optionen im Umgang damit: es zu ignorieren (mag dies auch fruchtlos sein, so verschafft es doch eine Atempause), zu resignieren ("die Waffen zu strecken" als bewusste Wahl, nicht nur als Verlegenheit), zu akzeptieren (die bloße Zurkenntnisnahme dessen, was ist, leidenschaftslos), zu affirmieren (die Verhältnisse zu bestärken und sogar zu bejahen, aus welchen Gründen auch immer), zu utilisieren (aus dem Widrigen noch Nutzen zu ziehen, es "umzunutzen"). Hauptsache, nicht immer nur zu klagen, sondern zu einer spielerischen Antwort zu finden. Die Wahrheit ist, wie die Fußballer sagen, "auf’m Platz". Also mitten im Leben.

Der Autor lebt als freier Philosoph in Berlin. Jüngste Buchpublikation: "Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000