Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Der Traum war sexuellen Inhalts. Die auffälligste modische Neuerung der letzten Jahre sind bekanntlich die bauchfreien Tops. Das bauchfreie Top ist ein Phänomen, welches in der weiblichen Bevölkerung zwischen etwa dem zehnten und etwa dem fünfunddreißigsten Lebensjahr häufig vorkommt. Auf dem Hermannplatz in Berlin-Neukölln wird das bauchfreie Top noch bis in das sechste Lebensjahrzehnt hinein getragen. Neunzig Prozent der weiblichen Bevölkerung aber fühlen sich darin eher unwohl. Um dies zu erkennen, muss man kein Wohlfühl-Spezialist sein. Man muss nur sehen, wie sie in den Fußgängerzonencafés an sich herumzupfen, wie sie probieren, ihr Oberteil dorthin runterzuziehen, wo es gerade nicht sein soll, auf die Hüften nämlich. Der Gedanke, ein T-Shirt zu tragen, das zwischen Brustwarzen und Bauchnabel endet, bereitet Hominiden ein gattungshistorisch bedingtes Unbehagen. Man fühlt sich an verwundbaren Stellen ungeschützt. Während die Top-Trägerinnen in der Fußgängerzone ihre Shakes und Smoothies trinken, raunt ihnen die Stimme ihrer Vorfahrinnen zu: "Pass auf, ein Säbelzahntiger wird kommen, und er wird dich fürchterlich in den Bauch beißen."

Alle paar Jahre kommt etwas Faschistisches in der Mode heraus – Plateausohlen, mit denen man auf die Schnauze fällt, superenge Hosen, die zeugungsunfähig machen, Intimzonen-Piercings und solche Sachen. Nach drei Jahren ist es unmodern, nach fünf Jahren landet es auf dem Flohmarkt, nach zwanzig Jahren kommt das Revival. Erst dann gibt der Faschist endlich Ruhe.

Der ehemalige Chefredakteur einer führenden Tageszeitung hat mir mal erzählt, dass es Intimzonen-Piercings in Wirklichkeit gar nicht gibt. Das Intimzonen-Piercing sei ein moderner Mythos wie die Spinne in der Yuccapalme. Das gebe ich als interessante Meinung einfach mal weiter.

In meinem Traum war ich der oberste Weltdiktator der Modebranche. Ich trug den Titel "Zar, Häuptling, Präsident und Großer Vorsitzender" und hatte ein Käppi aus Leopardenfell, wie Mobutu, der Expräsident von Zaire. Ich hielt im Fernsehen eine Ansprache. "Volk! Untertanen! Frauen! Ab sofort gelten bauchfreie Tops als wissenschaftlich widerlegt. Ab sofort werden bauchfreie Tops nicht mehr als Frauenaufbrezelungsmaßnahme eingesetzt, sondern als staatspolitische Strafe. Wer mir, eurem geliebten Präsidenten, unangenehm auffällt, wird zum Tragen eines bauchfreien Tops nicht unter einem Jahr verurteilt. Sein Erfinder hat auf mein Anraten einen Erholungsurlaub in der Inneren Mongolei angetreten."

In der weiblichen Weltbevölkerung brach Jubel aus. Um mir, dem Befreier, zu huldigen, zog eine Delegation der schönsten Töchter aller Länder zu meinem Palast. Dort verbrannten sie Weihrauch und Myrrhe, wuschen mir die Füße, bürsteten ausgiebig mein Leopardenkäppi und waren mir auf jede nur denkbare Weise zu Diensten. Als ich, in einer Pause zwischen zwei Huldigungen, aus meinem Fenster schaute, sah ich vor dem Palast eine Exfreundin, die mich mal aus ihrer Wohnung geworfen hat, dazu einen früheren Chefredakteur von mir, Martin Walser und Wiglaf Droste. Sie alle hatten bauchfreie Tops an. Dann erwachte ich, nicht wenig erquickt.

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