Sie halten sich fest an den Händen, der schmächtige Mann und die junge Frau mit den hochgezogenen Schultern. Sie sprechen kein Wort, ihre schüchternen Körper versinken in zu weiten Jeans. Das Paar ist auf eine Art unauffällig, die auffällt. Die beiden laufen so zaghaft und leise auf der morgendlich menschenleeren Straße, als würden sie am liebsten nicht vorhanden sein. Ihr Gleichschritt sieht mechanisch aus, man könnte meinen, sie wären an unsichtbarer Stelle zusammengewachsen. Ihre Unzertrennlichkeit hat nichts Himmelhochjauchzendes, sie wirkt wie eine Notwendigkeit. Zweisamkeit als Schutzwall gegen den Rest der Welt. Die Straße führt zum Gericht, fast jeder, der so früh am Morgen hier langgeht, hat dort zu tun. Vor dem monumentalen Bau verharrt das Paar, tritt hinein, passiert die Kontrollen und findet sich vor Saal 572 ein. Als die junge Frau zur Toilette geht, postiert sich der schmächtige Mann vor der Tür, bis sie wieder rauskommt. Dann verschwindet er in der Herrentoilette, nun ist sie es, die auf ihn wartet; einer des anderen Leibwächter.

Die beiden sind als Geschädigte in der Sache Niendorf geladen. Kai Niendorf ist ein schwerer, gedrungener Mensch mit tätowierten Armen und bleichen Beinen, die von einer Turnhose und gerippten Socken unzulänglich bedeckt werden. Alles an ihm ist kurz, nur die Haare fallen lang über seinen bulligen Rücken. Der gelernte Maurer ist 41Jahre alt, arbeitslos und zuckerkrank. Gefährliche Körperverletzung lautet die Anklage. Sein Opfer hätte zu Tode kommen können. Der Angeklagte ist fein raus: Ick kann dazu nüscht sagen, weil ick davon nüscht weeß, ick war besoffen.

Genaueres weiß das stille Paar, der Postzusteller Benjamin Tinius und seine Freundin Heike Laabs, die als Küchenhilfe arbeitet. Sie saßen in ihrer Wohnung im 18. Stock vor dem Fernseher, als es um neun Uhr abends wild gegen die Tür wummerte. Herr Tinius wollte fragen, was los ist, doch dazu kam es nicht mehr: Als ich die Tür öffnete, hatte ich schon eine Faust im Gesicht. Ein Mann würgte mich wortlos, schlug mich zu Boden, ich blutete und bekam keine Luft mehr. Auf die Schreie meiner Freundin kam der Sohn der Nachbarin, der zufällig zum Abendbrot bei seinen Eltern war, zog den Mann von mir weg und alarmierte die Polizei.

Nach der Zeugenaussage folgt das Paar dem Prozess von der Zuschauerbank aus. Es stellt sich heraus, dass der Betrunkene die Etage verwechselt hatte, die Attacke galt einem Saufkumpan, der ein Stockwerk unter dem Opfer wohnt. Es war also ein Zufall, er war nicht gemeint, der Täter hatte es nicht auf ihn persönlich abgesehen; Herr Tinius streichelt seiner Freundin tröstend die Hand.

Ick kann mich an nüscht erinnern, beteuert der Angeklagte. Die Richterin, eine schöne Blondine mit untrüglichem Gespür für die dunklen Seiten menschlicher Existenz, hilft dem Mann ohne Gedächtnis auf die Sprünge: Sie sind es gewesen, Herr Niendorf, Sie haben das gemacht! Sie haben einem Menschen Atemnot und Todesangst zugefügt, einen Schrecken, den er unter Umständen sein Leben lang nicht vergisst! Sie waren das, Sie! Weil Sie wieder mal besoffen waren, obwohl Sie wussten, dass Sie dann zur Gewalttätigkeit neigen.

Sie verurteilt den vorbestraften Diabetiker wegen vorsätzlichen Vollrauschs zu acht Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Das stille Paar geht, wie es gekommen ist, in siamesischer Enge eine Wirklichkeit abwehrend, in der alles Zufall zu sein scheint, die Gewalt und die Liebe auch.