Wer würde sich schon von Carl Maggiore und seinen Kumpanen behandeln lassen? Schließlich weiß man doch: Trifft Antimaterie auf Materie, folgt eine gewaltige Explosion kosmischer Kräfte, und nichts bleibt übrig. Operation gelungen, Patient verschwunden im quantenmechanischen Nirvana? Doch Maggiore und sein Chef, der Fermilab-Physiker Gerald Jackson, meinen es ernst.

Ihre Firma PBar Medical will künftig Krebskranke mit Antimaterie heilen. Und obwohl das Unternehmen in Kalifornien beheimatet ist, dem ausgewiesenen Epizentrum für durchgeknallte Ideen, könnte die Sache funktionieren. Tatsächlich, sagen biophysikalische Berechnungen vorher, werde nicht der Patient, sondern nur sein Tumor verschwinden. Punktgenau gezielte Anti-Protonenstrahlung soll gesundes Gewebe verschonen, verspricht Forschungsleiter Maggiore, die Krebszellen aber in einem subatomaren Feuerwerk verenden lassen.

Das sei schon in Ordnung, urteilt Gerhard Kraft von der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt über die Idee. Gleichwohl ist er skeptisch. Vor allem hat er Zweifel, ob die Methode große Vorteile gegenüber anderen Strahlentherapien bringen wird. Immerhin ist es den Kaliforniern nach einigem Hin und Her gelungen, die bodenständigen Physiker am Europäischen Laboratorium für Teilchenphysik Cern von ihrer Idee zu überzeugen. Dort sollen die ersten Tests Ende des Monats beginnen. "Das machen wir mal", sagt Rolf Landua. Der Deutsche leitet in der Genfer Forschungsstätte ohnehin ein Antimaterie-Projekt, er erzeugt Antiwasserstoff. Immerhin sei die Wirkung von Antimaterie auf menschliche Zellen noch nie untersucht worden.

Kann man also wirklich einen Antimateriestrahl auf einen Körper richten, ohne ihn zu durchlöchern? Wo sich doch beide Materieformen gegenseitig auslöschen, sobald sie miteinander in Berührung kommen. Wie soll der Antistrahl seine Zerstörungsmacht in einem winzigen Krebsherd ausüben, ohne auf dem Weg dorthin eine Spur der Zerstörung zu hinterlassen? Solche Fragen beantworten Physiker entweder mit Formeln. Oder wie Landua: "Materie ist leer – auch Ihr Schreibtisch ist bloß eine Illusion."

Schließlich, erklärt der Experte, seien die Atome, aus denen Materie besteht, wie das Sonnensystem aufgebaut: In der Mitte der Atomkern aus Protonen und Neutronen und darum herum schwirren die Elektronen, ähnlich wie die Planeten. Dazwischen liegt das riesige subatomare Nichts.

Vernichtungsfeuer beim Bremsen

Im Atom ist also genug Platz, sodass einschießende Antiprotonen es ungestört durchqueren können. Allerdings müssen sie dafür schnell genug sein. Auf ihrem Weg durch den Körper des Kranken bremsen die Antiprotonen langsam ab. Erst wenn sie zum Stillstand kommen, können sie mit ihren Gegenteilchen kollidieren. Weil die Bremsstrecke von der Energie der Antipartikel abhängt, könne man genau berechnen, wo im Körper das Vernichtungsfeuer zünde, versichert der deutsche Physiker. Nur wenige Prozent der Energie aus der Auslöschung werden vom Atomkern absorbiert, aber das reicht für ein ordentliches Feuerwerk. "Der Atomkern platzt", sagt Landua, "es entstehen schwere Spaltprodukte und eine hohe lokale Strahlendosis." Allerdings: Der biologische Effekt auf den Tumor, die umliegenden gesunden Zellen und das zuvor durchstrahlte Gewebe lässt sich bestenfalls abschätzen. Wie groß sind die DNA-Schäden im Krebs, wie viele Zellen sterben ab? "Das muss man eben messen!", verkündet der Experimentalphysiker Landua freudig.