Heute scheint es keinen Regen mehr zu geben. Obwohl: Man weiß das hier nie so richtig, die Eifel ist berühmt für ihr kapriolenhaftes Klima. Regen, Sonne, Nebel – und das alles gleichzeitig. Sämi zündet sich eine Muratti an, als er aus dem Wagen steigt. Er braucht jetzt dringend diese Zigarette. Sie tut ihm gut. Sämi ist noch ziemlich auf Adrenalin, verschwitzt, den Kopf rot vom Blut. "Es ist das Geilste, was es gibt", sagt er. "Extrem geil, kannst du mir glauben!" Ein tiefer Zug.

Sämi, mit vollem Namen Samuel Rhyner, ist Metzger aus Zürich. Er fährt einen blauen Subaru Impreza WRX STi, einen Sportwagen, der aber auch für die ganze Familie taugt. Allrad. 265 PS. 6-Gang-Sportgetriebe. Von null auf hundert in 5,5 Sekunden. Spitze: knapp 250. Das erste Mal war Sämi vor 30 Jahren hier am Nürburgring. Seit sein Sohn Peter auch Auto fahren darf, kommt er regelmäßig mit ihm her. Und nicht als Zuschauer, sondern als Fahrer. Oder eher: Raser. Und eben: Es ist das Geilste, was es gibt. "Keine 50er-Schilder, keine 100er- Schilder, kein Gegenverkehr." Nur Straße, Tempo, freie Fahrt. Für 14 Euro. Jede Runde.

Die Runde, ach. Die Geschichte dieser Runde, die so viele Kurven hat, beginnt bei Landrat Dr.Creutz, der einst in seiner Amtsstube in Adenau saß und den die Sorgen plagten. Fast 80 Jahre ist das her. Sein Landkreis darbte. Keiner dieser neuen Industriebetriebe wollte sich ansiedeln, und für die Landwirtschaft waren Boden und Klima auch nicht gerade ideal. Doch Dr. Creutz hatte eine Idee. Er hatte gelesen, dass diese neuartigen "Rundrennstrecken für Automobile" Massen lockten. Mussolini hatte es ja prophezeit: Wie Pilze würden sie aus dem Boden schießen in ganz Europa! In Monza hatte der Duce ein Tempodrom aus dem Boden stampfen lassen, um dort 1923 erstmals Rennwagen kreisen zu lassen. (Und um es den Franzosen zu zeigen, die für sich beanspruchten, die Autorennen erfunden zu haben, die so genannten Grand Prix.) Mussolinis Beispiel folgten die Spanier, die Belgier, die Briten. Zu Hunderttausenden strömten die Menschen herbei, um die tollkühnen Männer in ihren knatternden Kisten zu sehen. Das könnte doch, dachte Dr. Creutz, die Rettung für die Eifel sein. Ein Rundkurs. Und tatsächlich: Am 18. Juni 1927 wurde in der Eifel eine Rennstrecke eröffnet, die "erste Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke", erbaut von 3000 Arbeitslosen in zwei Jahren Bauzeit, 15 Millionen Reichsmark teuer, ein Rundkurs, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hatte: 89 Links- und 84 Rechtskurven, Steigungen, Gefälle, Hochgeschwindigkeitspassagen, Steilkurven – alles da. 28 Kilometer lang war die Strecke damals, unterteilt in eine lange Nord- und eine kurze Südschleife. 28 Kilometer in die Eifelhügel hineingelegtes Tempoband, jede Kurve versehen mit einem schönen Namen: Antoniusbuche, Quiddelbacher Höhe, Schwalbenschwanz, Galgenkopf.

Der Nürburgring galt bald als die Rennstrecke schlechthin. Schön, schwierig, gefährlich – und als Überraschungsfaktor immer wieder das eigentümliche Eifel-Wetter. Der Ring forderte schnell seine ersten Opfer. Man schätzt, bis heute habe es 400 Tote gegeben. "Grüne Hölle" nannte Jackie Stewart die Piste. Nachdem Jochen Rindt das erste Mal den Ring abgefahren war, sagte er: "Ich hatte richtig Angst."

Der Unfall von Niki Lauda machte den Nürburgring dann endgültig zum Mythos. Lauda hasste die Strecke, sprach sich auch lauthals gegen sie aus, zu gefährlich sei sie, nicht mehr zeitgemäß für die immer schneller werdenden Formel-1-Rennwagen. Nicht alle goutierten seine Ablehnung. Beim Rennen am 1. August 1976 waren Fans mit Anti-Lauda-Transparenten erschienen. Dann, bei Kilometer 10,6, Streckenabschnitt Bergwerk, da, wo 1928 der tschechische Bankier Cenek Junek tödlich verunglückt war, jagt Lauda nach einem Fahrfehler durch die Fangzäune. Ein Holzpfosten schlägt ihm den Helm vom Kopf und bricht ihm das Jochbein. Brennend schleudert der Ferrari auf die Fahrbahn zurück, wo zwei folgende Wagen in ihn hineinrasen.

Wundersamerweise überlebte Lauda. Doch dieser 1. August 1976 war das Ende für die Formel1 auf der Nordschleife. Ein neuer Hochgeschwindigkeitskurs wurde gebaut, auf dem Michael Schumacher und die anderen ihre öden Runden abspulen – das nächste Mal an diesem Wochenende. Die Nordschleife aber – der Mount Everest der Rennstrecken, wie man sie auch nennt – blieb offen für jedermann mit Führerschein und normalem, straßenzugelassenen Auto, für Leute wie Sämi eben, die ihre 14 Euro Eintritt bezahlen für eine Fahrt auf der schnellsten Einbahnstraße der Welt.

Sie kommen mit Kleinwagen, Rostlauben, hochgezüchteten Serienautos. Man sieht Mittelklassewagen mit Schwiegereltern hintendrin, gemütlich durch die Kurven schaukelnd, Väter mit Kleinkindern im Kindersitz, viele, viele Motorräder. Und sonntags auch mit Rentnern voll besetzte Reisebusse.

Plötzlich ist es still. Wieder mal einer abgeflogen, Strecke gesperrt