Feucht und schwer steht die Luft im Zelt. Dicht gedrängt sitzen 16 Männer auf Campingstühlen, die Füße in Ketten gelegt. 25 Grad sind es schon an diesem Montagvormittag, und immer, wenn die Sonne durch die Wolken bricht, wird das Zelt zur Sauna. Die Mitarbeiter des Ausbesserungswerks der Bahn AG in Leverkusen-Opladen sind seit Freitag vergangener Woche im Hungerstreik. So kämpfen sie für den Erhalt ihres Werks. "Ich muss noch ein Zelt besorgen", sagt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Pommer, denn weitere Kollegen wollen in den Streik einsteigen. "Wenn nichts passiert, könnte die Situation in dieser Woche eskalieren", warnt Kuno Dreschmann von der Gewerkschaft Transnet.

Schon einmal, im Mai, hatten die zehn Betriebsräte des Opladener Werks neun Tage lang gehungert. Die spektakuläre Aktion lockte viel Publikum an. Fernsehteams, Boulevardreporter, aber auch Schulklassen besuchten die Hungerstreiker. Für einige der Kinder war der Anblick der geschwächten Männer in rasselnden Ketten zu viel. Sie brachen in Tränen aus.

Ein Hungerstreik für den Erhalt von Arbeitsplätzen ist in Deutschland etwas Exotisches. Die unverhohlene Erpressung, die den Gegner durch selbst zugefügte Schäden für Leib und Leben in die Knie zwingen will, kennt man von politischen Fanatikern, nicht aber von deutschen Eisenbahnern.

Auf den ersten Blick erscheint der Anlass für diesen dramatischen Arbeitskampf im Deutschland des Jahres 2003 fast banal. Die Bahn will ihr Ausbesserungswerk in Opladen schließen, die 400 Mitarbeiter wollen ihre Arbeitsplätze erhalten. Ein Interessenkonflikt, wie er längst für Zigtausende Menschen in allen Bundesländern zum Alltag geworden ist. Warum also nehmen die Eisenbahner nicht ihre Abfindung und gehen still zum Arbeitsamt, wie das all die anderen auch tun, die derzeit ihre Arbeit verlieren

"Wir fühlen uns gewaltig verarscht", sagt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Pommer. Die Opladener Eisenbahner sind der Meinung, dass sie mit ihrem Werk auch unabhängig von der Bahn am Markt bestehen könnten. Wenn man sie ließe.

Der Minister holt alle an einen Tisch – nichts geschieht

Investoren für das leistungsfähige Werk habe es gegeben. Doch die Bahn blockiere die Erhaltung des Werks. Kuno Dreschmann, Bevollmächtigter der Gewerkschaft Transnet für die Region, hat einen bösen Verdacht: "Hier werden mutwillig Arbeitsplätze vernichtet, weil eine freie Werkstatt an diesem Standort potenziellen Konkurrenten der Bahn den Marktzutritt erleichtern würde."

Die Geschichte des Opladener Hungerstreiks beginnt im April 2001. Die Deutsche Bahn kündigt an, insgesamt acht ihrer 18 Ausbesserungswerke zu schließen. Den Opladener Bahnwerkern ist schnell klar, dass der Entschluss der Bahn, sich von ihrem Werk zu trennen, unumkehrbar ist – obwohl die Bahn hier noch 1999 rund 30 Millionen Mark investiert hatte. Obwohl das Werk in Opladen 2001 einen Umsatz von 55 Millionen Euro verzeichnete und keineswegs Verlust machte. Dennoch will die Deutsche Bahn die "schwere Instandhaltung", also die gründliche Überholung von Elektroloks, künftig im Werk in Dessau konzentrieren.