Dort, wo Hillary Clintons Buch politisch etwas bewirken soll, kommt es nicht übermäßig gut an. Dort, wo es nur gelesen werden soll, wird es begeistert aufgenommen.

In den USA sind die Kritiker gelangweilt. Joe Klein, der berühmte Anonymus des wirklichkeitsnahen Clinton-Romans Primary Colors, schreibt in Time, er habe in Gelebte Geschichte doch nur wenig intellektuell oder politisch Aufregendes entdeckt. Und Michiko Kakutani urteilt in der New York Times, abgesehen von einigen Ausnahmen handele es sich um ein "Mischmasch frommer Platitüden über Politik …, roboterhafter Seitenstränge über offizielle Aufgaben in Washington … und längst bekannter Aufzählungen ihrer Metamorphose vom Goldwater-Mädchen zur liberalen studentischen Aktivistin, zur Staranwältin, zur First Lady, zur Senatorin von New York".

In Europa ist man stärker davon angetan. Ursula März zeigt in der Frankfurter Rundschau zwar die Schwächen auf – "Fast gebetsmühlenartig kommt Hillary Rodham Clinton auf ihre Überzeugung zurück…" –, sagt auch, das Buch sei in "seinen Einzelheiten" wohl von "mäßiger Interessantheit". Aber: "Als Ganzes" sei es bedeutsam, "weil sein Ton, seine Textur, seine ganze Machart mit absoluter Genauigkeit den Punkt treffen, von dem aus sich das Rollenbild einer erfolgreichen … Femina politica … entwickeln lässt". Elaine Showalter im britischen Guardian hält das Werk schlicht für ein "wertvolles feministischen Dokument".

Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Alle Kritiken haben eines gemein: Sie stellen, direkt oder indirekt, die Frage, ob dieses Buch nicht vor allem der Auftakt zu einem neuen Abschnitt gelebter Geschichte sei, zur Kandidatur Hillarys für das Präsidentenamt. Dort, wo gewählt wird, mag sich kein seriöser Kritiker den Vorwurf einhandeln, er habe mit einer Laudatio frühzeitig und ohne Not Partei ergriffen. Dort, wo man jetzt schon inständig hofft, Clinton möge den Bush-Spuk baldigst beenden, wo man aber keinen wirklichen Einfluss auf die Entscheidung hat, darf man seinen Gefühlen schon eher freien Lauf lassen. Daher die unterschiedlichen Bewertungen jenseits und diesseits des Atlantiks.

Zwei eng miteinander verbundene Attribute dieses Buchs schienen weder hüben noch drüben groß aufgefallen zu sein. Erstens: Gelebte Geschichte ist vor allem eine 670 Seiten lange Liebeserklärung an Bill Clinton. Sie ist spröde, sie ist langatmig, sie versucht rational zu erklären, was letztlich nicht erklärbar ist. Aber die Bewunderung für "meinen Präsidenten", die Erklärungen seiner Politik, wie überhaupt das zentrale Bekenntnis, dass sie ihm die Affäre mit dem Fräulein Lewinsky verziehen habe – all das ist das Dokument einer eigenartigen, schüchternen Liebe. Zweitens: Bezeichnenderweise lässt Hillary Clinton alles aus, was das Geschichtsbild von Bill Clinton beeinträchtigen könnte. Sie übergeht die anderen Affären, von denen er selbst zumindest eine öffentlich eingestanden hat und die sich bekanntlich zu einer Charakterschwäche und einer unnötigen politischen Blöße addierten. Sie vergisst die Streitigkeiten, welche die beiden vor großem Publikum austrugen, wie auch die Versöhnungen vor den Augen aller. Und sie spielt ihren politischen Einfluss bis zur Unkenntlichkeit herunter, zum Beispiel die Tatsache, dass sie ultimativ von ihrem Mann forderte, mindestens einen der vier wichtigen Kabinettsposten mit einer Frau zu besetzen.

Alles an diesem Buch ist perfekt inszeniert. Das Timing. Die Glamour-Fotos. Die Vorab-Einblicke. Auch die strukturelle Langeweile.

Vor dem Einzug ihres Mannes in das Weiße Haus machten Amerikas Machos aus ihrer Angst vor der radikalen Feministin keinen Hehl. Vor ihrem möglichen zweiten Einzug in das Weiße Haus, dann als der Boss, müssen sie sich nicht mehr fürchten. Sie hat es ja nun schriftlich gegeben: dass sie dummen Jungs verzeihen kann.