Vor sechs Jahren hängte Brigitte Voit den Laborkittel an den Haken. Sie verabschiedete sich von ihren zwei Mitarbeitern, zog von München nach Dresden und wurde jüngste deutsche Professorin in den Naturwissenschaften. Heute, mit 40 Jahren, ist aus der Forscherin Voit eine Managerin geworden, Chefin von 320 Arbeitnehmern. Sie leitet als wissenschaftliche Direktorin das Leibniz-Institut für Polymer-Forschung.

Da steht Laborarbeit nicht mehr auf dem Tagesplan. Stattdessen empfängt sie Gäste im obersten Stock eines kühlen Neubaus, am Revers prangt das Rad des Rotary Clubs. Zwei Glasfronten rahmen ihr helles Büro, von dem aus sie das Institutsgelände überblickt. Aber die Materie ist ihr nicht fremd geworden. Soll erklärt werden, wie sich Ethylenmoleküle zu Ketten verknüpfen, dann streckt sie sich ruck, zuck aus ihrem Sessel, schnappt sich ein weißes Blatt vom artigen Stapel in der Mitte des Tischs, zerrt schwungvoll dem Gast den Stift aus der Hand und beginnt umgehend mit einem Crashkurs in Polymer-Chemie.

"Polymere sind oft linear, wie Spaghetti", sagt sie und rollt dabei den Konsonanten R in "Polymere" nach oberpfälzischem Usus. Aber wenn man genau hinsehe, seien es Ketten aus lauter gleichen "Wiederholeinheiten". Diese Struktur erklärt die besonderen Eigenschaften der Polymere, ohne die unser Alltag kaum denkbar wäre. Aus dem biegsamen Polyethylen zum Beispiel entstehen Folien, das zähe Polypropylen dient als Schuhabsatz, und das reißfeste Nylon 66 kommt in Teppichen und Tauen zum Einsatz.

Neben Spaghetti interessierten sich Chemiker aber auch für globulare Moleküle, wie sie in der Natur vorkommen: Amylopektin beispielsweise, ein Kohlehydrat der Stärke aus Glukose- und Cellulose-Einheiten, die sich wie Büschel verzweigen. Solche Verästelungen künstlich herzustellen reizte Chemiker schon vor mehr als 50 Jahren. Doch erst 1978 gelang es dem Bonner Chemiker Fritz Vögtle, hoch verzweigte Verbindungen zu synthetisieren, die so verästelt sind wie ein Baum, griechisch dendron, und die demzufolge Dendrimere heißen.

Der Erforschung dieser Objekte verdankt Brigitte Voit ihre schnelle Karriere. Während die Sekretärin lautlos Tee mit Keksen abstellt, wirft die Direktorin nun die kompliziert verästelten Riesenmoleküle aufs Papier. Zuerst malt sie ein dreiarmiges Zeichen aufs Blatt, das einem Y ähnelt. An jedem Arm hängt ein A – komplexe Moleküle mit ungesättigten Bindungen. "Das ist der Kern", sagt Voit, "der Kern des zukünftigen Dendrimers."

Danach geht es "wie beim Schneeballbauen" weiter – Schicht für Schicht lagert sich um das Kernmolekül. An jedes A dockt Voit ein neues Y-förmiges Molekül an, das zwei A trägt und ein B. Das B verbindet sich mit einem A des Ausgangsmoleküls. Doch sechs ungebundene A ragen nach außen. An jedes lagert wieder ein Y an. Und so weiter. In jeder Generation sprießen aus einem Zweig zwei neue, und aus einem kleinen Klümpchen wird so, Schritt für Schritt, ein großer Batzen.

"Das klingt gut, nicht wahr?", sagt Voit verschmitzt. Aber was sich in der Theorie so leicht zusammenfügt, ist in der Praxis ein mühseliges Geschäft. "Dendrimere bauen ähnelt dem Versuch, aus Pulverschnee einen Ball zu formen: Ständig fällt wieder was ab." Klappe es aber, stelle sich ein "ungeheures Erfolgserlebnis" ein. Denn Dendrimere sind schöne Moleküle: Symmetrisch, regelmäßig – eine Art Korallen der Nanowelt. Tatsächlich stand die Natur bei den ersten Synthesen Pate. Ansonsten war Anfang der achtziger Jahre, als die ersten Ergebnisse durch die Fachwelt geisterten, nicht recht klar: Wozu sind die hübschen Geschöpfe eigentlich gut?

Ein Faible für Schmuddelkinder