Im Rückblick mag man es gar nicht mehr glauben: Als im Sommer 1998 die Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern nicht mehr zu überhören war, reagierte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl schroff: "Wenn Sie glauben, ich würde die Bundeskasse noch einmal aufmachen, dann ist die Antwort nein." Erst der Regierungswechsel im Herbst jenes Jahres erlaubte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte. Am Ende stand die Gründung einer Stiftung zugunsten der Opfer, dotiert mit zehn Milliarden Mark, je zur Hälfte von Regierung und Wirtschaft finanziert. Die ersten Raten wurden am 30. Mai 2001 ausbezahlt, heute haben mehr als 1,2 Millionen Opfer eine wenn auch bescheidene Entschädigung erhalten. So gesehen ist die Entstehung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" durchaus eine Erfolgsstory.

Nun hat Stuart E. Eizenstat, der bei den Verhandlungen über die Entschädigung die amerikanische Regierung vertrat, seine Version veröffentlicht, und da ist mehr von Streit, Rivalität und Uneinsichtigkeit die Rede als vom gemeinsamen Bemühen, endlich die Opfer des Naziregimes zu entschädigen, die als KZ-Häftlinge oder Opfer von Deportation die deutsche Kriegswirtschaft unter meist menschenunwürdigen Bedingungen am Laufen hielten. Ein "Stück Gerechtigkeit", so Eizenstat, sollten die Zwangsarbeiter erfahren, und da standen sich offensichtlich alle Protagonisten immer wieder im Weg. Mehr als einmal drohten die Verhandlungen, die eigentlich alle Beteiligten aus Überzeugung wollten, zu scheitern.

Zweierlei versucht der Autor besonders zu vermitteln: Zum einen, dass die Zwangsarbeiter keine Chance auf Entschädigung gehabt hätten, wären nicht vor amerikanischen Gerichten entsprechende Sammelklagen gegen deutsche Unternehmen angestrengt worden; zum andern, dass erst die zum Teil unseriösen und eigennützigen Anwälte der Opfer den Druck auf die deutsche Öffentlichkeit herstellten, der dann auch die Wirtschaft zur aktiven Beteiligung an einer finanziellen Lösung zwang. Es ist erfrischend zu lesen, wie Eizenstat Hiebe und Lob nach allen Seiten verteilt.

Dass er dabei seine eigene Rolle ins rechte Licht rücken will, sei ihm nachgesehen; er tut es im übrigen ohne Penetranz. Weniger verständlich bleibt aber, warum er seinem deutschen Widerpart, dem DaimlerChrysler-Vorstand Manfred Gentz, die richtige Einsicht, stellenweise gar den guten Willen zu einer Einigung abspricht. Schließlich war es nicht zuletzt Gentz, der seine widerspenstigen Kollegen aus der deutschen Wirtschaft dafür gewinnen konnte, ihren Teil von Verantwortung zu übernehmen und in den Opferfonds einzuzahlen.

Eizenstats Buch ist höchst informativ, weil es einerseits das harte Ringen um Milliarden ohne Beschönigung der Interessengegensätze und Widerstände darstellt, andererseits auch die Eitelkeiten und Animositäten der Verhandlungspartner. Ein beträchtlicher Teil des Buches berichtet über Verhandlungen mit der Schweiz, Österreich und Frankreich, bei denen es primär um die Erstattung von Vermögen ging. Dennoch ist die Lektüre gerade für deutsche Leser ein packend geschriebenes Stück Zeitgeschichte.

Das ist nicht die Intention eines zweiten Buches, das unter dem Titel Verantwortung und Rechtsfrieden berichtet, wie die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft die versprochenen fünf Milliarden Mark für den Entschädigungsfonds eintrieb. Die Autorin Susanne-Sophia Spiliotis liefert praktisch die offizielle, emotionsfreie Version zu Eizenstats bewegter Schilderung. Am Anfang waren es 17 Unternehmen, die sich als Antwort auf die Sammelklagen in den USA zum Gedanken an Entschädigung durchrangen und schließlich der Idee eines Firmen übergreifenden Fonds zum Erfolg verhalfen. Nach vielen Mühen und harter Überzeugungsarbeit leisteten am Ende mehr als 6500 deutsche Firmen ihren Beitrag zur Endsumme von fünf Milliarden Mark.

Manfred Gentz hat sicher Recht mit seiner Bilanz: "Ein so hoher Betrag auf freiwilliger Basis ist als Solidarleistung einer Volkswirtschaft nach unserem Wissen noch nie und in keinem anderen Land zusammengetragen worden." Doch der Weg dahin war von Peinlichkeiten und mangelnder Einsicht gesäumt, eine moralische Verantwortung lehnten sogar Unternehmen ab, die mit Sicherheit in das teuflische Geflecht der Zwangsarbeit verstrickt waren. Auf Eigenlob, das zeigt auch Spiliotis mit ihrer nüchternen Darstellung, sollte die deutsche Wirtschaft also besser verzichten.