Sosehr man den Aussagen Robert Leichts zum 17. Juni zustimmen kann, wenn es denn aber eines Ersatzes zum Staatsakt des 3. Oktober als Gedenktag bedarf, so kann dies nur der 9. November sein. In keinem anderen Datum spiegelt sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren Irrungen, Verbrechen, jedoch auch ihren Manifestationen von Volkswillen und visionärer Hoffnung in punkto Frieden und Freiheit so komprimiert wie in diesem:

9. November 1918: der Matrosen- und Arbeiteraufstand in Kiel mit nachfolgender Ausrufung der Republik als Folge bornierter Selbstüberschätzung der politischen und militärischen Eliten des Kaiserreichs.

9. November 1923: der Marsch Hitlers, seiner braunen Revoluzzer und der mit ihnen verbündeten reaktionären Offiziere auf die Feldherrenhalle, auch als Folge politischer Demütigung der jungen deutschen Demokratie vor allem durch die Siegermacht Frankreich.

9. November 1938: Nacht der Judenpogrome und Ausblick auf die kommenden, noch schlimmeren Verbrechen als Folge davon, dass ein Großteil des deutschen Volkes einem braunen Rattenfänger mit vermeintlich einfachen Lösung hinterher lief.

9. November 1989: die friedliche Revolution der DDR-Bevölkerung für Freiheit, Demokratie und Einheit öffnet die Chance zur deutschen und gesamteuropäischen Einigung. Sie ist damit auch Auslöser für die Beseitigung wesentlicher Ursachen für zwei Weltkriege.

Erst die Akzeptanz dieser Fakten unserer Geschichte in Form eines Gedenktages hebt die Bedeutung des 9. November 1989, aber eben auch im Verbund damit die des 17. Juni 1953 hervor. Ich habe deshalb nie verstanden, wie ein geschichtsbewusster Kanzler Helmut Kohl diesen Tag nicht als Gedenktag wählen konnte.

Dieter Waßenhoven Kempen