Martin Roth, seit Ende 2001 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist ein Mann von dezenter Auffälligkeit. Er steigt aus einem dunkelblauen Porsche und trägt seine Papiere in einem altenglischen Koffer. Attitüden, die eher untypisch sind für ein Mitglied dieses Berufsstandes, aber ein bisschen Luxus im Umfeld der Kunst ist ja nicht unangenehm, nur eben ungewohnt. Und die Kehrseite dieses managerkompatiblen Auftritts ist es auch. Dass die Kustoden und Mitarbeiter des Hauses, in dem es bei Roths Amtsantritt nur einen E-Mail-Anschluss für das Chefzimmer gab, nun sowohl eine EMail-Adresse haben wie auch mobil zu erreichen sind, wurde spätestens seit dem Tag als Segen begriffen, als im August 2002 die Flut kam und die Dresdner Kunstschätze dem feuchten Untergang geweiht schienen.

Von Martin Roth war viel die Rede, als er Leiter des Themenparks der Expo 2000 in Hannover wurde. Dass diese Expo an diesem Ort so überflüssig und so unansehnlich war wie ein Kropf, fanden die anwesenden Kritiker und die ausbleibenden Besucher. Die Berufung von Martin Roth allerdings hatte einen guten Grund. Seit seiner Doktorarbeit hatte sich der gebürtige Stuttgarter, Jahrgang 1955, mit den Themen Heimatmuseum und Weltausstellungen beschäftigt, auch die Frage nach der Widerspiegelung nationaler Identität hatte ihn interessiert. Und als Direktor des Deutschen Hygienemuseums in Dresden konnte sich der promovierte Kulturwissenschaftler schließlich einen Namen machen. Mit Ausstellungen wie Leibesvisitation holte er das Museum mit dem befremdlichen Namen in die Öffentlichkeit zurück.

So weit, so gut, so normal. Als Roth aber im Oktober 2001 zum Dresdner General ernannt wurde, da gab es unter den Kunsthistorikern doch ein stilles Befremden. Martin Roth stürzte sich in die Arbeit, für die man ihn gewählt hatte, und präsentierte nach knapp einem halben Jahr ein Konzept für die Sammlungen, in dem es um veränderte Strukturen ging, langfristige Baumaßnahmen, Möglichkeiten des Marketing, bessere Einnahmen. Alles, um die wunderbaren Dresdner Kunstsammlungen, über die Roth so leidenschaftlich spricht wie ein Jüngling über seine erste Liebe, besser und gewinnbringender in Szene zu setzen. Von der Staatskanzlei gab es keine Reaktion.

Nur zehn Monate später forderte die verheerende Flut von dem Direktor des mit elf Häusern nach Berlin zweitgrößten deutschen Museumsverbunds innerhalb von Stunden Managerqualitäten, von denen auch er nicht geträumt hatte. "Er traf", so ein Mitarbeiter, "die goldrichtigsten Entscheidungen." Hunderte von Bildern und Skulpturen, darunter Riesenformate oder Zentnerware, mussten in kürzester Zeit in Sicherheit gebracht, die Depots evakuiert, die Häuser geschlossen werden. Später gingen die Meisterwerke der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung auf Reisen nach Hamburg, Berlin und London. Strahlende Gastauftritte, die auch dringend benötigtes Geld brachten.

Ein knappes Jahr später zeigt sich die Kunststadt Dresden heute fast wieder so wie vor der Flut. Nur im Albertinum müssen die Räume der Gemäldegalerie Neuer Meister noch teilweise als Notquartier für die raumgreifende Skulpturensammlung genutzt werden. Genau diese Sammlung aber ist es, die Martin Roth schon wieder ins Rampenlicht rückt. Denn die Dresdner Antiken, der Grundstock sächsisch fürstlicher Sammellust und die älteste Antikensammlung in Deutschland, sollen zusammen mit der Archäologie nach Chemnitz umquartiert werden, so zumindest will es die Landesarchäologin und Direktorin des Museums für Vorgeschichte, Judith Oexle. Dass dieses mehr ist als ein Gerücht und Ministerpräsident Milbradt ein offenes Ohr hat für die oberirdischen Ambitionen der Archäologin, wird in einem Brief bestätigt, geschrieben vom Referatsleiter für Bildungspolitik in der Sächsischen Staatskanzlei als Antwort auf eine Petition des Verbands Deutscher Kunsthistoriker. Der Hinweis der Kunsthistoriker, dass durch einen solchen Umzug das Kulturerbe, das auch in die Liste der "Leuchttürme" aufgenommen wurde, eine dramatische Beschädigung erfahren würde, wird in diesem Schreiben mit dem Donnerwort vom "Landesbesitz" und einer Obrigkeitsformulierung vom Tisch gewischt: "Im Freistaat Sachsen wird gegenwärtig die angemessene und effektive Präsentation des vorhandenen wertvollen Museumsgutes überprüft. In diesem Zusammenhang ist u. a. die Präsentation der Antike in Chemnitz vorgesehen." Eigentlich hatten wir gedacht, die DDR sei Geschichte geworden.

Martin Roth bringt der Gedanke zur Verzweiflung, ein weltweit bewundertes Kulturerbe, das sich in gut vierhundert Jahren zu einem Gesamtkunstwerk verzweigte, könnte zerlegt und zerstört werden. Er macht sich Sorgen um die Institution und um seine Mitarbeiter, die nach der noch nicht überstandenen Flut nun einem neuen Druck ausgesetzt sind. "Es gibt Zeiten", sagt er ungläubig, "da ist das Konservativste das Revolutionärste."

Er wird sich wehren gegen diesen Präzedenzfall: "Wenn einer an mir vorbei will, dann wird er es schwer haben." Und es bleibt zu hoffen, dass die Dresdner, die doch von ihrer Frauenkirche jeden Splitter bewahren, sich an die Seite von Martin Roth stellen, wenn es nun um ihre Kronjuwelen geht.