Im Kühlschrank liegt nur noch ein einsames Stück Käse, die ganze Wohnung ist kärglich eingerichtet und dunkel. Der Fernsehzuschauer sieht sofort: Die Rentnerin, die hier wohnt, ist arm. Mit sorgenvollem Blick schaut sie in die Kamera. Schnitt. Es folgt die Warnung eines Versicherungskonzerns: Unbedingt für das Alter vorsorgen – der Staat fördert das. Im Hintergrund erklingt leise Musik. Ende des Werbespots.

Mit einer Mischung aus Mitleid und Angstmache wollen Assekuranzkonzerne ihre Botschaft vermitteln: Wir alle sollten sparen, sparen, sparen, weil schlechte Zeiten drohen. Dabei berufen sie sich auf die Regierung.

Jetzt will Rot-Grün die Steuerreform vorziehen. Aber können die Bürger ihrer Regierung noch vertrauen? Fast schon im Tagestakt sendet sie widersprüchliche Signale

Die Spitze von Rot-Grün will die Stimmung wenden. Dass Deutschland das dritte Jahr mit Wachstumsschwäche erlebt, verändert nicht nur die Politik, sondern auch die Kommunikation. Am kommenden Wochenende will sich Gerhard Schröder mit seinem Kabinett während der zweitägigen Haushaltsklausur im brandenburgischen Schloss Neuhardenberg darauf verständigen, die nächste Stufe der Steuerreform von 2005 auf 2004 vorzuziehen – die Mitwirkung der Bundesländer beim Subventionsabbau vorausgesetzt. Es komme jetzt entscheidend darauf an, "Zuversicht zu verbreiten", sagt SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Nur dann bringen die avisierten Steuersenkungen das, was sie bringen sollen: mehr Konsum, eine bessere Binnenkonjunktur, mehr Jobs.

Dazu gehört allerdings Vertrauen – Vertrauen von Wählern, Konsumenten, Anlegern. Die aber sind verwirrt. Gerade sieben Monate ist es her, seit die Bundesregierung mit ihrem "Steuervergünstigungsabbaugesetz" eine Liste von Abgabenerhöhungen beschließen wollte – von einer steigenden Dienstwagensteuer bis zu einem höheren Mehrwertsteuersatz für Schnittblumen. Noch vor einem Vierteljahr hat der Kanzler höchstpersönlich ein Vorziehen der Steuerreform als "ökonomischen Unsinn" abgetan. Und erst Anfang Mai referierte Hans Eichel im SPD-Präsidium darüber, dass man auch in schweren Zeiten sparen müsse.

Vergessen, vorbei. Zwar sind die Zeiten nur schwieriger geworden, aber was soll’s. Was haben die Bürger in den vergangenen Monaten nicht alles erlebt: Erst kürzt die Regierung beim Arbeitslosengeld, diskutiert über Nullrunden für Rentner und streicht Brillengestelle aus dem Leistungskatalog der Kassen. Jetzt hören sie, dass die Eigenheimzulage wegfallen soll, die Pendlerpauschale – und vielleicht auch noch das Geld von der Krankenkasse für den Zahnersatz. Was davon zur Agenda 2010 gehört, was zum Sparpaket, und woran der Bundesrat schuld ist – wer weiß das schon ?

Trotzdem sollen die Wähler nun darauf vertrauen, dass die Regierung weiß, was sie tut, und dass das Ganze einen Sinn ergibt. Wie wichtig dieses Vertrauen ist, wusste schon John Maynard Keynes, auf den sich plötzlich wieder viele berufen. In den Werken des britischen Nationalökonomen geht es um Erwartungen, rationale und irrationale, und um die Frage, ob und wann Politiker darauf Einfluss nehmen können. Manchmal funktioniere das überhaupt nicht mehr, meinte er. Dann setzte sich die Angst fest – und die Bürger konsumierten kaum.

Fünfzig Prozent der Wirtschaft sei Psychologie, hat der deutsche Wirtschafts(wunder)minister Ludwig Erhard gesagt. Wie also kann man die Deutschen zum Konsum bewegen? Was bringt es, ihnen Geld zurückzugeben, wenn die Regierung dann nur umso mehr als unberechenbare Truppe gilt, deren Ansagen eine immer kürzere Halbwertszeit haben?