Das Werk des Malers Hieronymus Bosch (circa 1450 bis 1516) gehört wahrscheinlich zu den größten Herausforderungen an die Kunstgeschichte und ihre Deutungskompetenz – und zwar seit seiner "Entdeckung" durch Carl Justi im Jahr 1889 und den über tausend Arbeiten, die inzwischen zu Boschs Leben und Werk erschienen sind. Die bizarren Formen, die sich auf seinen Bildern finden, und die absonderlichen Inhalte, die sie zu transportieren scheinen, haben dazu geführt, dass man ihn bald als Vorreiter des Surrealismus, bald als malenden Häretiker, als obskuren Sektierer oder Alchimisten, gar als Psychopathen und Drogenkonsumenten zu verstehen suchte.

Das Besondere seiner Bilder ist das krasse Nebeneinander von irdischer Freude, ja sinnlicher Exaltation einerseits und Weltverneinung und Vergänglichkeitsdrastik andererseits. Es sind befremdlich konstellierte Objekte und schwer erklärbare Nebenszenen, die den Betrachter bei dem Versuch beirren, den Hauptsinn eines Gemäldes von Bosch aufzufassen: monumentalisierte Objekte zum Beispiel, wie zwei gewaltige Ohren mit einem Tafelmesser dazwischen, die eine ameisenkleine Menschenmenge durchrollen; oder eine nackte Frauenfigur, über deren Kopf zwei riesige Früchte des Erbeerbaums (madroños) schweben – beides im Garten der Lüste zu finden, der im Prado in Madrid hängt. Nicht die einzelnen Objekte sind dabei das Rätsel; diese sind sogar übergenau identifizierbar wie das mit einer Punze des Schmieds gezeichnete Messer oder die zeitgenössischen Trichterbecher; sondern es ist die "Szene", die der Maler stellt, die sich als das eigentliche Rätsel erweist.

Gerd Unverfehrt, Direktor der Gemäldesammlung der Göttinger Universität, hat ein kleines Buch über Bosch veröffentlicht, in dem es nicht um die (durchaus drängenden) Fragen der Zuschreibung und der Datierung geht, sondern um die brisante Frage einer Hermeneutik für diese verschlossene Welt. Unverfehrt rückt dieser Frage in einer Fallanalyse zu Leibe, also anhand eines einzigen Werks, das nicht einmal unbedingt Hieronymus Bosch zugeschrieben werden kann, der Hochzeit zu Kana, die im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam gezeigt wird und in deren Mittelpunkt ein feuerspeiender Schwanenbraten steht – gerade im Augenblick, da er serviert wird. Diese bizarre Mahlzeit – von einem modernen Interpreten als "törichtes Festmahl der Zeit" abgetan – wird von Unverfehrt vor einem kulturgeschichtlichen Hintergrund beleuchtet. Das liest sich beinahe wie ein Kriminalroman.

Wir erfahren, dass Schwanenbraten in der Liebfrauenbruderschaft in s’Hertogenbosch, der Hieronymus als "geschworener Bruder" angehörte und der nicht weniger als 14000 Mitglieder angehörten, als Prestigemahlzeit zelebriert wurde und dass das Gemälde der Hochzeit zu Kana für diese Bruderschaft angefertigt wurde, ja sogar eine von deren Festmahlzeiten abbildet. Das Motiv der Hochzeit zu Kana, die Christi erstes Wunder darstellt, die Verwandlung von Wasser in Wein, ist ja das Szenario einer Weihe gemäßigter Sinnlichkeit, wie sie die Ehe darstellt, durch den Gottessohn und künftigen Erlöser. Heute würde man sagen: ein ideologisches Programm zur Heiligung des Profanen durch Mäßigung.

Die Hochzeit zu Kana vermittelt Eucharistie und Lebenswelt, Altar und Büfett, und genau hierauf scheint es dem Maler anzukommen. Was er darstellt, ist jene historische Realität, die sich genau zwischen dem Imaginären der Transzendenz und der Alltäglichkeit der Lebenswelt herstellt. Dabei gelingt es Unverfehrt durch eine minutiöse Rekonstruktion der Speisegewohnheiten der Liebfrauenbruderschaft, das Historisch-Faktische, das die Schwanenmahlzeit darstellt, in Spannung zur Eucharistie zu setzen: im Sinne ebenjenes Kompromisses zwischen weltlicher Prestigemahlzeit und christlicher Aufforderung zur Mäßigung.

Es ist bewundernswert, wie genau es Unverfehrt gelingt, die historische Realität jener Bruderschaft anschaulich zu machen, die zur besonderen Verehrung der Gottesmutter Maria die Angleichung an die Umgangsformen und Speiserituale des Adels sucht; und wie dies wiederum in Spannung zum religiösen Bildthema der Mäßigung der Sinnlichkeit gesetzt wird. Unverfehrt liefert genaue Informationen über Alkoholverbrauch, Zutaten und Gewürze, Geflügel- und Fleischmengen, über Vermögens- und Wohnverhältnisse und nicht zuletzt über die Zubereitung des Schwanenbratens. Und er zeigt gleichzeitig, dass sich in einer solchen behutsamen Annäherung zwischen historischer Detailrecherche und christlicher Ikonografie ein neuer Zugang zu dieser uns verschlossenen Lebens- und Kunstwelt öffnet.

Die Alternative bei der Deutung von hermetischen Bildern von der Art Boschs kann ja nicht darin liegen, zu entscheiden, ob es sich hier um einen präzisen Beobachter oder um einen Fantasten handelt, sondern vielmehr darin, dass der Realitätsgrad des Gezeigten genau in der Spannung zwischen Faktischem und Imaginärem aufzusuchen ist.

Es ist gerade die Reibung zwischen weltlichem Mahl und seinem religiösen "Mehrwert", in der die fremde, unzugängliche Wirklichkeit einer entfernten Epoche aufscheint. Aus einer polemischen Auseinandersetzung mit den Absurditäten der Deutungsgeschichte Boschs gewinnt Unverfehrt einen Mittelweg zwischen detailbesessener Kulturgeschichte und Ikonografie. Er öffnet so etwas wie den Raum des sozialen Imaginären.