Selbst ältere Muggels verfügen gelegentlich über erstaunlichen charm , zu Deutsch Zauberkraft, über wunderwirksame Beschwörungsformeln, die es erlauben, den Fluch großer Mächte zu brechen, welche bei der Höchststrafe von vielstelligen Dollarsummen verboten hatten, das Sie-wissen-schon-welches-Buch vor 0.01 Uhr am Samstag, dem 21. Juni 2003 in den Händen zu halten. Nun: Ein kleiner Spruch, ein Lächeln, Accio libre!, und das Ersehnte materialisierte sich während einer ansonsten reizarmen Bahnfahrt, Stunden vor dem Schicksalsuhrschlag, als Doppelbrikett in unseren Händen. Harry Potter and the Order of the Phoenix! Wir wollten gerade anlesen, gierig jajaja, nicht ohne natürlich das Werk durch eine Buchtarnkappe vor fremden Blicken geschützt zu haben. Uuups, da war wohl etwas schief gegangen. " Isdassderneuepotter???!!!", kreischte die Nachbarin zur Linken auf. In solchen Situationen hilft natürlich nur ein kühles "Nö."

Potter, Band 5. 766 S., 1,3 Kilo, 13 Millionen Erstauflage. Vorbestellungen: 875000. Dann: über eine Million! Im Buchgeschäft geht es manchmal zu wie auf der Bullenshow, wenn das neue Exemplar einer preisgekrönten Art in der Arena erscheint. Messen, wiegen, rechnen, alle Lautsprecher sind auf on, und nun dröhnen allen die Ohren: der größte Bucherfolg aller Zeiten!

Bange Frage: Issesgut?

Vielversprechende Stammlinie! Aktienkurse der Verlage steigen! Bloomsbury 30 Prozent plus. Der Autorin Rendite – unermesslich! Auch über Harrys erstarkende Manneskraft wurde spekuliert, ein 15-Jähriger mittlerweile, da kann man doch was erwarten. Küsst er? Passiert mehr? Mit wie vielen? Gibt es Morde? Warum wurden des Nachts in einem Park im englischen Suffolk zwei erste Exemplare des Buches gefunden, wieso konnte sie niemand lesen, glaubt doch niemand, dass die Seiten nur vom Tau verklebt waren, oder? Auch solche Fragen sind übrigens leicht abzuwehren. Buch auf, vorblättern zu chapter one. Und schon schrumpfen alle Fragen auf die eine zusammen, welche die allereinzigste wirklich bange Frage aller Leser ist (und womöglich die, deren noch ausstehende millionenfache Beantwortung selbst J.K. Rowling in jener Nacht zwischen Freitag und Samstag wach gehalten haben könnte): "Issesgut?"

Na bitte – silencio!

Wir befinden uns in den Sommerferien. Öde Tage. Der Vorort: stinkend langweilig. Die Alten sind selten dämlich, obernervig natürlich auch der Kleine. So geht das in den Potter-Bänden natürlich irgendwie immer los, und doch ist plötzlich vieles anders. Harry ist anders. Wir finden ihn rumgammelnd im Vorgarten, Jeans dringend waschmaschinenbedürftig, der Rest auch, inklusive Seele. Man könnte sagen, die Normalität hat Potter eingeholt. Seine Autorin hatte den Lesern versprochen, Harry werde mit ihnen erwachsen werden, dies stellt sich jetzt als interessantes Erzählkonzept heraus. Es funktioniert so: Harry ist ein Pubi. Sieht nicht nur aus wie jemand, den die Nachbarn nicht mit der Kneifzange anfassen würden. Schlimmer noch: Er kann sich selber nicht leiden. Zerrissen von Selbstzweifeln, geplagt von dem Gefühl, von der Welt ungerecht behandelt zu werden. Übergangen!

Potter war schon immer ein bisschen der Verlierer. Ein Antiheld, mit dem sich kleine Leser, die in ihrem Leben gelegentlich mit Niederlagen kämpfen, identifizieren können (anders gesagt: alle Leser) und trotzdem stolz auf ihn schauen, weil er so tapfer, so aufrecht, so großäugig-süß hinter seiner Brille in die Welt guckt. Jetzt reagiert er hormongemäß. Selbstmitleid und Wutausbrüche! Schnauzt alle an, selbst seine Freunde. Rivalitäten brechen aus. Wer ihm helfen will, dem macht er klar, dass die Zeit der Bevormundung vorbei ist. Wer ihm schaden möchte, von dem lässt er sich aufs Glatteis locken. Versinkt danach in Lethargie, und selbst Leser fürchten den Zeitpunkt, an dem er wieder daraus aufwachen wird, da werden dann nicht selten ganze Absätze in Großbuchstaben kreischend hervorgehoben.