Wie schließt man ein Theater? Eine aktuelle Frage. Als theatralischer Akt des öffentlichen Sparwillens macht eine Theaterschließung noch immer mächtig was her. In der Not müssen die Kommunen leider das Rad der Theatergeschichte zurückdrehen, mit der berühmten starken Hand. Die Komödiantentruppen, die einst unter Krämpfen und Mühen an den Fürstenhöfen und in den Städten sesshaft geworden sind, werden wieder aus der Stadt gejagt. Es ist schließlich erst zirka 250 Jahre her, dass Schauspielern und Regisseuren ein wenig mehr an sozialer Absicherung gewährt wurde. Die Gründung des Hamburger Nationaltheaters war ein wichtiger Schritt gegen das, was ein Zeitgenosse die "Komödiantenbanden" nannte, "welche mit den unförmlichsten und unanständigsten Vorstellungen herumziehen". Gotthold Ephraim Lessing wurde hier im Jahr 1767 Dramaturg und steht noch heute auf dem Hamburger Gänsemarkt herum. (Er kann seine Stadt allerdings nicht schützen vor dem Innensenator Schill, der soeben gefordert hat, das Hamburger Schauspielhaus dichtzumachen, um das Urlaubs- und Weihnachtsgeld seiner Beamten zu sichern; Thalia Theater und Ernst-Deutsch-Theater, so Schill, genügten schließlich, um den Hamburger Schauspielbedarf zu decken.)

Unvergessen sind die arbeitsrechtlichen Fortschritte, die der Deutsche Bühnenverein nach seiner Gründung im Jahr 1846 erzielte. Schon im Dezember 1873 wurden die ersten landeseinheitlichen "Normalverträge" eingeführt. Ab 1879 wurde schwangeren Solistinnen allerdings nicht länger die halbe Gage gezahlt, nur noch Choristinnen und Balletteusen. Das Jahr 1919 brachte allen weiblichen Bühnenmitgliedern das Recht auf Kostümlieferung, unabhängig von der Höhe der Gage. Die Kunstverwaltung war in Deutschland schon immer ein hoch delikater bürokratischer Akt.

Wenn die Schnittchen alle sind…

In diesen Tagen begehen wir das Jubiläum der ersten Großtheaterschließung der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor zehn Jahren wurde das Ende des Berliner Schiller Theaters beschlossen, und der Protest dagegen begann geordnet zu toben. Erst beinahe sechs Monate später war dieser Verwaltungsakt dann vollzogen, nach vielen Klagen, Solidaritätsveranstaltungen und Prozessen und mithilfe eines eigens gegründeten "Amtes Ehemalige Staatliche Schauspielbühnen Berlin". Das Schließungsgedenken fällt in eine Zeit großer Müdigkeit. Amtsmüde, hat Christoph Marthaler seinen vorzeitigen Abschied aus dem Intendantenzimmer des Züricher Schauspielhauses angekündigt. In Hamburg harrt Tom Stromberg am Schauspielhaus der Entlassung durch die vielleicht unwürdigste deutsche Kultursenatorin aller Zeiten. Auch Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, droht, das tut er immer.

Der Vorgang der Schließung des Schiller Theaters ist außergewöhnlich gut dokumentiert, und die Überlieferung zeichnet ein Bild von der Kompetenz der damals agierenden Berliner Lokalpolitiker, bei dem sich einem noch heute die Zehennägel aufrollen. Diepgen, Pieroth, W. Nagel – Namen aus fernen Zeiten. Und Roloff-Momin, Ulrich, parteilos und SPD-nah, damals Kultursenator der Großen Koalition. Der "Schiller-Killer". Roloff-Momins Abrechnungsbuch Zuletzt: Kultur ist inzwischen schon wieder vergriffen. Mit jener Bärbeißigkeit, die ihn im Guten wie im Schlechten auszeichnet, versucht der damals in Ungnade gefallene Politiker darin eine Imagekorrektur. Seiner Darstellung jener Sparklausur des Berliner Senats, die zur Theaterschließung führte, wurde allerdings nie ernsthaft widersprochen.

Wir schreiben den 22. Juni 1993. "Ein schöner Sommertag. Senatssparklausur im Gästehaus in der Menzelstraße. Am großen Tisch im Esszimmer versammelten sich die Damen und Herren Kollegen. Berge von Akten zwischen Kaffeetassen, Tellern mit Keksen und Schnittchen. … Am Ende der Debatte waren die einzusparenden Millionen nicht zusammengekommen. Wieder eine Debatte über Gewerbesteuer und Lehrermehrarbeit. Ergebnislos." Geschichte wird beinahe nicht gemacht, aber dann geht es doch noch voran. Gegen Mitternacht attackiert Finanzsenator Pieroth: "Herr Roloff, Sie müssen das Schiller Theater schließen!" Als der Kultursenator Widerstand leistet, lenkt der Finanzsenator gleich ein. "Ich atmete tief durch und versuchte zu ergründen, ob Pieroth die Schließung des Schiller Theaters wirklich erwogen oder nur die Schließung eines Ost-Theaters hatte provozieren wollen." Es ist dann der SPD-Bausenator Wolfgang Nagel, der Roloff-Momin in den Rücken fällt und von Pieroth mehr Standfestigkeit verlangt. Roloff-Momin schwant, dass die SPD von ihm verlangt, von nun an als Sparsenator aufzutreten. Und er tritt auf, mit schwerem Schuhwerk.

Eine andere Rolle als die des Sparers würde es für deutsche Kulturpolitiker auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Und dass Roloff-Momin sie am Ende doch annahm, als Sparpionier sozusagen, lag auch an seiner Einschätzung des Zustands der Staatlichen Schauspielbühnen Berlins. "Ich musste mir insgeheim eingestehen, dass die Befürworter der Schließung den einzigen Invaliden im Berliner Theaterleben getroffen hatten: Das Schiller Theater war … jahrzehntelang immer weiter heruntergekommen und befand sich buchstäblich auf dem Hund."

Das Geschrei der sich plötzlich in Abwicklung befindlichen Westberliner Künstler war schrill. Die Schließung des Schiller Theaters erschien ihnen als die schlimmste Barbarei, die je auf deutschem Boden begangen wurde. Halb ernsthaft drohte man, jede Theaterschließung werde zu Brandanschlägen auf Asylbewerberheime führen. Ein "unerträglicher Einschnitt" erzeugte eine "tiefe Wunde", der "endgültige kulturelle Kahlschlag" schien unausweichlich. Die Rede war von "Brutalität", von "Mord", vom "Erdrosseln" der deutschen Kultur, von einem "Verbrechen". Claus Peymann, damals Burgtheaterdirektor in Wien, warf sich am schmissigsten ins Zeug und fand: "Berlin darf nicht Las Vegas werden! Stoppt den Theatertod in Berlin!"