Am 25. Juli beginnen die Richard-Wagner-Festspiele auf dem so genannten Grünen Hügel in Bayreuth. Sie sind ein deutsches Großereignis wie die Endspiele der Fußballbundesliga. Aber anders als auf dem grünen Rasen steht in Bayreuth der Sieger im Voraus fest: Wagner gewinnt immer.

Dass seine Fans sich trotzdem jedes Jahr um die Eintrittskarten balgen, gehört zum Phänomen Bayreuth. Zumal die Teilnahme an dem Opernspektakel mit großen Unbequemlichkeiten erkauft wird: Stundenlang in drangvoller Enge bei hochsommerlichen Temperaturen auf unkomfortablen Stühlen in unpassender Kleidung auszuharren, während einem die Kapelle mit Pauken und Trompeten großdeutsches Musikerbe ins Trommelfell einstanzt – das freiwillig zu ertragen bedarf mehr als einer stoischen Gemütsverfassung.

Bloß, was ist dieses Mehr? Ist es die Nachbarschaft von Menschen, die man aus der Bunten kennt? Ist es Stoibers Kampf mit dem Heuschnupfen, der in manchen Jahren länger dauert als der Untergang der Götterbande auf der Bühne? Oder werden die festlich Gekleideten vielleicht doch von den Segnungen der fränkischen Küche nach Bayreuth gelockt?

Verwunderlich wäre es nicht. Die Fränkischen Bratwürste sind sogar in Berlin berühmt, obwohl sie ohne Curry gebraten werden. Sodann gibt es noch andere fränkische Spezialitäten, die ich jedoch nicht unbesehen als essbar bezeichnen würde. Und ihr Verzehr hätte mir Risiken abverlangt, die ich mir als gereifter Mensch nicht mehr zumute. Deshalb, und um den Fans, die die festspielende Stadt besetzen werden, einen Vorgeschmack dessen zu geben, was sie am Fuße des Grünen Hügels erwartet, habe ich mich dort umgesehen.

Bayreuth ohne die jubelnden Massen ist das, was man liebevoll die deutsche Provinz nennt. Die links im Bahnhofsgebäude integrierte Wienerwald-Gaststätte erinnert alle historisch Gebildeten an Franz Josef Strauß, der auf dem Höhepunkt der Hendlbraterei den Pilotenschein machte, weil er auf dem Roten Platz in Moskau landen wollte. Er schaffte es aber nur bis zum Bayreuther Rollfeld, den Ostlandritt vollbrachte später ein junger Mann an seiner Stelle.

Die Stadt hat auch einen Goldenen Anker. Das ist ein außerordentlich hübsches Hotel in einem sehr alten Haus mit einem eleganten Restaurant und einer noch älteren Tradition. Ich meine nicht die Tradition der Küche, auf die komme ich später zurück, weil das Restaurant mittags geschlossen bleibt. Insofern unterscheidet sich Bayreuth wenig von Berlin, sogar der Pizzaduft, gegen den der Reisende prallt, wenn er den Bahnhof verlässt, gleicht dem vor dem Bahnhof Zoo. Damals, als der geliebte Führer die hohe Familie im Haus Wahnfried besuchte, aßen die Volksgenossen noch keine Pizza. Wonach mochte es da geduftet haben, wenn Wolf – wie sie ihn nannten – sich über die Hand der braunen Squaw beugte?

Vielleicht wie beim Wolfenzacher, was ein mittags geöffnetes Wirtshaus ist, gleich um die Ecke beim Goldenen Anker. Wenn es nicht regnet, sitzen die Gäste hemdsärmelig vor der Tür und sättigen sich an den verschiedenen Bratwürsten. Sind es dicke Würste mit grobem Inhalt, werden sie Fränkische genannt, die Nürnberger sind schlanker und feiner.

Es gebe, verriet mir der Taxifahrer, auch noch das Picadilly, wo der hungrige Wagner-Anhänger allerlei anständige Atzung vorfände. Aber mir schien es pietätlos, in einem Lokal mit dem Namen Picadilly zu essen. Wo doch schon die Apotheken hier Namen tragen wie Tristan-Apotheke! Also müsse es schon eine Lohengrin-Stube sein oder die Wotan-Klause!

Es war dann aber der erwähnte Wolfenzacher, wo wir landeten. Ein Lokal wie eine Kuckucksuhr. Was dort nicht an den Wänden und unter der Decke hängt, ist nicht wert, Kitsch genannt zu werden. Eine urgemütliche Stube also, wo die Speisekarte nur ein Gericht enthielt, das aber in fünfzig Variationen: Spargel. Er war frisch, gut geschält und nicht al dente.

Dass im Goldenen Anker ein anderer Kulinar-Fahrplan gültig ist, verrät nicht nur die Speisekarte. Hier ersetzen Antiquitäten die urige Folklore. Eine Fränkische Weinsuppe besteht aus einem zwiebelgesättigten Sahnebrei, mit Wein und Bouillon aufgegossen und mit Estragon gewürzt. Regionaltypisch, aber verfeinert. Also lecker. Über letztere Eigenschaft wundert man sich nicht, wenn man erfährt, dass der Küchenchef Mathias Handel bei Dieter Kaufmann in Grevenbroich am Herd gestanden hat. Dessen exquisite Küche, kombiniert mit dem Faible der Handels für die Traditionen des 230 Jahre alten Hotels, trägt hier zur Ausnahmesituation des Goldenen Ankers bei. Der Chef bewegt sich sicher auf der Ideallinie der getäfelten deutschen Gastronomie.