in der post fand ich eine Einladung zu einem Chenin Tasting, dem ersten weltweit. Das Wort "Tasting", in Verbindung mit einer Weinsorte oder -region, bedeutet nichts anderes als Degustation, was wiederum eine Weinprobe ist. Sie würde in einem Kloster an der Loire stattfinden, also in der Region, wo der Chenin Blanc angebaut wird.

Das ist eine Weißweintraube, und was aus ihr werden kann, ist sogar in Paris nur schwer zu erfahren, obwohl doch Vouvray nicht weit entfernt ist. Außerdem sind die Weine aus Vouvray, Montlouis, Savennières und anderen Orten immer sehr preiswert gewesen und gehören auch heute noch lange nicht in die obere Preiskategorie.

Eine Lage des Chenin Blanc muss man dabei allerdings ausnehmen, den Coulée de Serrant von Nicolas Joly. Er ist unter den Weinen der mittleren Loire, was der Montrachet unter den Weißweinen Burgunds darstellt. Nämlich edel und teuer. Sein exzentrischer Winzer empfiehlt, ihn 48 Stunden vor dem Genuss zu dekantieren und bei 14 Grad zu trinken. Da kommen die anderen Produzenten des Chenin Blanc nicht mit. Und es gibt erstaunlich viele in allen Teilen der Erde, welche sich also zur Propagierung ihrer Weine an der Loire treffen, wozu ich eingeladen bin.

Leider habe ich es mir zur Regel gemacht, solche Zusammenkünfte zu meiden. Leider – weil Weine aus dieser Traube zu meinen Lieblingsweinen gehören. Ich habe stets einige Dutzend Flaschen vom Weingut Huet in Vouvray im Keller, und auch einige Coulée de Serrant verstecken sich dort vor meinen gierigen Blicken.

Es handelt sich um einen Wein mit zwei ganz erstaunlichen Eigenschaften. Zum einen bringt er wie ganz wenige andere Weine das Terroir überaus deutlich zum Ausdruck. Dabei tritt er als trockener Tropfen auf, als halbtrockene Spätlese und, unter der Bezeichnung "molleux", als Beerenauslese. Zum anderen scheint er unbegrenzt altern zu können. In den besseren Restaurants an der Loire findet man 30 Jahre alte Flaschen. Bei den Winzern liegen wohl noch ältere Käuze in den Kellern.

In seiner trockenen Version ist er für unsere Trinkgewohnheiten wie geschaffen. Außerdem ähnelt er dem Riesling mehr als andere Trauben. Er ist rassig, besitzt eine schöne, mineralische Frische und gibt sich schon beim ersten Schluck als Wein zu erkennen. (Was man leider nicht von allen Weißweinen sagen kann.)

Durch die Einladung erfahre ich, dass an der Loire nur 9000 Hektar mit Chenin bepflanzt sind. In Südafrika allein wachsen jedoch 22 000 Hektar, und in den USA wird diese Sorte häufiger angebaut als der Chardonnay. Warum ist sie trotzdem so unbekannt, wieso hat sie es nötig, durch eine Massendegustation auf sich aufmerksam zu machen? Die Antwort: Die Winzer, vor allem die in Übersee, haben sich damit begnügt, aus dieser feinen Sorte nur mittelmäßige Weine zu machen.