Deutschland ist langweilig wie ein Krokodil im Zoo. Man kann es lange anstarren: Es bewegt sich nicht. Nur manchmal, wenn gerade niemand guckt, geht ein Ruck durch den Körper, eine Pfote wird unter den Bauch gezogen, und der Schwanz ringelt sich nach rechts. Das ist die Sorge unserer Nachbarn: dass Deutschland plötzlich doch eine unvorhersehbare Bewegung machen könnte.

In letzter Zeit hat es allerdings nichts dergleichen getan. Das wiederum ist die Sorge der Reformer, die sich um die Zukunft des Landes bekümmern. Gerade haben sich in Berlin wieder Ungeduldige auf einem Kongress getroffen, die das Deutschland-Video gern vorspulen würden, weil es ihnen zu fade ist. "Marke Deutschland" nennt sich die private Initiative, der auch Werbeagenturen angehören. Sie beklagen vor allem die unzureichende Selbstdarstellung der Nation. Denn im verschärften internationalen Wettbewerb "kann eine starke und klare Nationalmarke entscheidend sein".

Nun ließe sich einwenden, dass eine gewisse Schwäche und Unklarheit der deutschen Nationalmarke viel zur politischen Beruhigung der Welt beigetragen hat. Man könnte sich sogar darüber empören, etwas so Heikles und Traditionsbestimmtes wie das Image einer Nation der Ad-hoc-Bearbeitung durch Kampagnen auszusetzen. Auch entbehrt es nicht der Lächerlichkeit, wenn Werbeleute das nationale Defizit just auf dem Feld ausmachen, wo sie selbst tätig sind.

Aber die Welt, das heißt der Zoo, in dem wir leben, ist voller Wunder. Während "Marke Deutschland" noch daran arbeitet, den Slogan "Deutschland packt’s an" zu etablieren, hat das Land schon eine entscheidende Veränderung in seinem Selbstbild vorgenommen, nämlich in den Feiern zum 50. Jahrestag des 17. Juni. Das ist ein erstaunlicher Umstand. Kein Datum der jüngeren Geschichte wurde dermaßen geschmäht von den Linken, missbraucht von den Rechten, benutzt als Waffe im Kalten Krieg. Selbst noch die zweite Volkserhebung von 1989 wurde von der Westlinken nach dem Muster des 17. Juni bearbeitet, nämlich als nationalistischer Rückfall interpretiert.

Und heute? Mit Macht ist der Freiheitswille von 1953 wieder ins Bewusstsein zurückgekehrt. Man muss, um nach politischem Aufbegehren zu forschen, nicht mehr die kargen Zeugnisse von 1848 oder der Bauernkriege bemühen. Sogar die Generation, die lange ihr 68er-Monopol aufs Emanzipatorische verteidigt hat, sieht die Wahlverwandtschaft der ostdeutschen Arbeiter. Die verfeindeten Symboldaten der jüngeren Geschichte, 1968 im Westen, 1989 im Osten, haben im 17. Juni ihre Versöhnung gefunden.

Deutschland hat’s tatsächlich angepackt. Ins Selbstbild, das so lange vom Ökonomischen dominiert wurde, ist die Freiheitsgeschichte zurückgekehrt. Das Krokodil bewegt sich doch nicht nur zum Fressen oder um seine Glieder bequemer zu betten. Es erhebt sich gelegentlich auch, um ungerechte Wärter zu vertreiben.