München

Man wüsste jetzt gern, was Franz Josef Strauß denken würde. Seine Büste jedenfalls steht noch immer im Empfangssaal der Bayerischen Staatskanzlei, in düsterer Bronze, einen Rest seines urbayerischen Zorns ausstrahlend. Was also würde er sagen zur Situation seines Nachfolgers? Würde er Edmund Stoiber empfehlen, noch einmal die Sonthofen-Strategie zu probieren, rücksichtslos die Regierung zu blockieren und das Prinzip Verelendung zu bedienen, nun aber richtig und zu einem viel passenderen Augenblick als damals, 1977? Oder würde er seinem ehemaligen Generalsekretär heute, bescheiden geworden, raten, sich ganz auf die Bayern-Wahl im September zu konzentrieren und so lange die Bundespolitik auf null zu stellen?

Alles blockieren und verwirren, um in Bayern an die 60 Prozent zu kommen? Auf den ersten Blick sieht es so aus, was Edmund Stoiber in den letzten Wochen trieb. Er ließ seinen Parteivize Horst Seehofer die Gesundheitsverhandlungen durcheinander bringen und die CDU-Vorsitzende irritieren. Er war mal sehr und dann wieder weniger gegen die neue EU-Verfassung, drohte schon mit Ablehnung und würdigte sie eine Woche später. Er fand die vorgezogene Steuersenkung gestern gut und heute problematisch. Hat also Strauß seinen überbordenden Bayern-Egoismus vererbt, bundespolitischen Größenwahn inklusive? Steht die Republik still, weil ein bayerischer Wahlkämpfer es will? Rache für die Schmach der letzten Bundestagswahl?

Zum zweiten Mal nach Franz Josef Strauß 1980 hat ein bayerischer Ministerpräsident nach dem Kanzleramt gegriffen und ist gescheitert. Nun muss er sich in Bayern wieder einrichten. Ohne resignative Anwandlungen und Rückzugssignale. Aber auch ohne allzu ambitionierte Aktivitäten auf dem Feld seiner Niederlage, in Berlin. Es ist ein komplizierter Balanceakt. Stoibers Vorgänger ist daran gescheitert. Mit der Niederlage 1980 hatte Strauß seine politische Zukunft verspielt. Danach war er nur noch ein polternder Komödiant.

Und Edmund Stoiber? Er hat Strauß damals aus der Nähe erlebt. Er will ihn nicht kopieren. Im Grunde hat es der bayerische Ministerpräsident immer gewusst: "Bundeskanzler ist die größere Herausforderung, nicht aber das höhere Amt." Stoiber probiert des Öfteren solche Sätze. Er versucht, die Niederlage verkraftbar zu machen, Distanz zu schaffen. Natürlich weiß er von den allfälligen Vermutungen, sein Scheitern bei der Bundestagswahl sei zu gravierend, als dass er wie selbstverständlich weiter Politik treiben könne.

Nun sitzt Edmund Stoiber gegenüber dem Straußschen Bronze-Schädel in der Staatskanzlei, den Rücken zum Fenster. Ganz entspannt, wirklich gelassen, erzählt er über seine Niederlage: Wie sie am Wahlabend in der Parteizentrale alle dachten, sie hätten es geschafft. War es nicht so gewesen: "Der Bundeskanzler wirkte erschöpft, im Gegensatz zu seinem Herausforderer"? Klar sieht Stoiber es heute als Fehler an, dass er nach der Wahl das baldige Ende von Rot-Grün prophezeite, so als könne er nicht aufhören, um die entgangene Krone zu kämpfen: "In den ersten Wochen danach sagt man noch: Ich stehe zur Verfügung. Dann ist das kein Thema mehr." Geschäftsmäßig klingt das, glatt. Worte, die parat liegen und vor allem etwas demonstrieren sollen: Man soll weiter mit ihm rechnen – in der Bundespolitik und natürlich unionsintern.

Dass Stoibers Anspruch nicht gar zu absurd anmutet, ist paradoxerweise ein Ergebnis seiner Niederlage. Sie zerstörte zwar seine einmalige Chance auf das mächtigste Amt der Republik. Doch über Nacht verschwand auch der verkrampfte, überforderte Kandidat, der im Wahlkampf von Woche zu Woche unsicherer, sprunghafter und unkalkulierbarer gewirkt hatte. Für ihn bedeutete die Niederlage im Bund einen Sieg in Bayern: Die "über 58 Prozent", mit denen ihn die Bayern bei der Bundestagswahl nach Berlin geschickt hätten, "obwohl sie mich gerne hier behalten wollten", hätten ihn seinerzeit "tief berührt". Es war dieser Vertrauensbeweis, der ihn aus dem langen Schatten des Franz Josef Strauß treten ließ. Strauß verlor durch seine Niederlage im Bund seine Aura, Stoiber hat zumindest in Bayern an Statur gewonnen.

Natürlich muss auch der Rückkehrer bei der Landtagswahl im September wieder ein beachtliches Ergebnis erreichen, wenn er weiterhin seinen bundespolitischen Anspruch ausfüllen will. Aber Unsicherheit im Hinblick auf den bayerischen Wahlgang lässt Stoiber nicht erkennen: 1994 musste er sich als Bereiniger der bayerischen Amigo-Szene erstmals zur Wahl stellen; 1998 kämpfte er erfolgreich gegen einen übermächtigen Anti-Kohl-Trend, dem die unionsgeführte Bundesregierung zwei Wochen später zum Opfer fiel. Damals hatte er es noch nötig, gegen die eigene Regierung und seinen Parteifreund Theo Waigel, gegen Euro, Asylanten und Reformwut zu polemisieren. Auf populistische Ausflüge wird das bayerische Wahlvolk auch diesmal nicht ganz verzichten müssen. Aber eher als Folklore denn als Politik. Ein bisschen zurückgelehnter jedenfalls schaut Stoiber heute auf die vertraute Szenerie. Einem wie ihm, der seit über 30 Jahren in der bayerischen Politik dabei ist, kann das Land nicht fremd werden. Er sieht es jetzt nur eben aus höherer Warte. In der Union heißt es unumwunden, er habe halt "Blut geleckt". Es sei nur mehr die nationale Politik, die ihn noch reize. Das schafft Unbehagen in der Schwesterpartei CDU.