Susan Sontag wird den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, weil sie "in einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten für die Würde des freien Denkens eingetreten" ist. So lautet, in vollendetem Pathos, die Begründung des Börsenvereins. Ausgezeichnet wird damit nicht zuvörderst das erzählerische Werk einer Schriftstellerin, sondern die Essayistik und damit der politische Interventionismus einer Ikone der amerikanischen Linken. Ein Schelm, wer dabei an den Irak denkt und annimmt, hier sollten das andere, kriegskritische Amerika und dazu ein bisschen die deutsche Verweigerungshaltung geehrt werden.

Glücklicherweise entziehen sich die komplizierte Persönlichkeit und das vielschichtige Werk Sontags allzu eilfertiger Vereinnahmung. Denn für den Frieden hat sich die designierte Friedenspreisträgerin nie um seiner selbst willen engagiert. Am Kosovo-Krieg kritisierte sie vor allem, dass er "acht Jahre zu spät" kam, um den Autokraten "Milo∆eviƒ zu stoppen". Wenn sie also "mutig und verantwortungsvoll auf dem Recht der Opfer" beharrt, wie der Stiftungsrat des Börsenvereins lobt, so meint Sontag damit zweierlei: das Recht von Diktaturopfern, befreit zu werden, und zugleich das Recht von Zivilisten, nicht bombardiert zu werden. In diesem Spannungsverhältnis der Werte liegt der Reiz jenes inneren Monologs über die Gewaltfrage, den Sontag in den vergangenen Jahren öffentlich gemacht hat – kulminierend in ihrer Ablehnung des Irak-Krieges.

Susan Sontag versteht sich auf Zuspitzung und Übertreibung. Sie provoziert mit ihren Grobheiten. Kolossal unbeliebt hat sie sich bei der Rechten schon in den sechziger Jahren gemacht, als sie behauptete, Amerika sei "gegründet auf Völkermord", und die "weiße Rasse" sei "der Krebs der Geschichte". Linke Entspannungspolitiker stieß sie vor den Kopf, als sie während des Kriegsrechts in Polen 1982 vom "Kommunismus als Faschismus" schrieb. Doch nie ist die Empörung größer gewesen als nach ihrem kurzen Einwurf zum New Yorker Anschlag vom 11. September. Sie nannte darin das Attentat "Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten".

Die Reaktion auf diese Maßlosigkeit war selbst maßlos. Sontag wird überschüttet mit Verratsvorwürfen und Morddrohungen. Eine rechte Website lobt eine Ehrung für die blödeste politische Äußerung aus, den "Sontag-Preis". Tatsächlich hat sie sich mit ihrer Bemerkung in eine Phalanx eingereiht, in die sie eigentlich nicht gehört: jenes winzige Clübchen von Altlinken um Gore Vidal und Noam Chomsky, die, mag ein politisches Verbrechen auch noch so abscheulich sein, als wahres Problem immer wieder nur Amerika sehen. Damit zog Sontag nun auch die Kritik aus dem linken Mainstream auf sich. Salman Rushdie erinnerte daran, dass Terrorismus die Ermordung Unschuldiger ist: "Ein solches Verbrechen mit amerikanischer Politik zu entschuldigen bedeutet, die grundlegende Idee aller Moralität zu leugnen: dass Individuen verantwortlich sind für ihre Taten."

Sontag zählte auch zu den Attackierten, die der Rechtsphilosoph Michael Walzer in der Zeitschrift Dissent fragte: "Kann es überhaupt eine anständige Linke geben?" Walzer, der sich ein halbes Leben lang mit der Theorie des gerechten Krieges beschäftigt hat, kann keinen gerechteren Krieg entdecken als den in Afghanistan. Aber er fühlt sich auf der Linken umgeben von Menschen, die "ihre Schadenfreude" anlässlich des 11. September kaum verhüllen, weil sie glauben, mit dem Anschlag habe "der imperiale Staat endlich bekommen, was er verdient".

Durch diese reflexhafte Reaktion, meint Walzer, habe die Linke Amerikas ihre "moralische Balance" verloren und gewinne sie nur langsam in einem "Prozess der Selbstanalyse" zurück. Damit ist wieder Susan Sontag gemeint. Zu ihrer intellektuellen Statur gehört die Fähigkeit zur Revision. In Against Interpretation behauptet sie 1966: "Stil sticht Inhalt", nur um später über die Risiken einer ästhetisierenden Weltsicht zu schreiben. On Photography (1977) ist eine Anklage der Kriegsfotografie, die "ermutigt, was auch immer passiert". 25 Jahre später hält sie in Regarding the Pain of Others fest, Opfer wollten "ihr Schicksal in Fotografien festgehalten sehen". Bevor sie den Satz hinschreibt, hat sie 14 Besuche im belagerten Sarajevo hinter sich. Nach dem Anschlag von New York braucht sie nur wenige Wochen, um sich zu korrigieren. Ihre erste Reaktion, entschuldigt sie sich, sei in Berlin und nach einer Überdosis CNN entstanden.

Kritik an der "Dschihad-Rhetorik"

Das klingt banal und drückt doch eine tiefere Wahrheit aus: dass Ferne und Fernsehen ein vergröberndes, rabaukisches Amerika-Bild erzeugen helfen. Als Sontag wieder in New York eintrifft und sofort "eine Stunde durch die Trümmerberge dieses qualmenden, übel riechenden … Massenfriedhofs" stapft, tritt "die politische Rhetorik, die mich zunächst so beschäftigt hatte, in den Hintergrund". Nun vergleicht sie die New Yorker Opfer mit jenen von Srebrenica und Ruanda, hält es für "obszön", das Attentat mit den Untaten amerikanischer Außenpolitik zu rechtfertigen, und setzt sich ausdrücklich von "Gore Vidal und vielen bornierten Intellektuellen in Europa" ab. Am Ende ringt sie sich dazu durch, "eine militärische Antwort" zu befürworten, aber "keinen Krieg".