Ich warf meinen Kunstlederkoffer auf die Straße, stieg aus dem Greyhound-Bus. Stand allein an einer staubigen Kreuzung in einem verlassenen Ort in Missouri. Windstille. Totenstille. Der heißeste Tag des Jahres 1989. Ich war aus dem alten, stagnierenden, schlummernden Westdeutschland gekommen. Wusste kaum, was ich tat, als ich auswanderte. Wusste nur, dass etwas Neues kommen sollte. Ich wollte endlich aufwachen. Und dann, ganz wie ich mir das erhofft hatte, beschleunigte sich mein Leben, und es beschleunigte sich die Welt. Der Herbst kam. Das Uni-Städtchen füllte sich. Genscher ging nach Prag. Ich schloss Freundschaften, die mich veränderten. Ceau≠escu wurde hingerichtet. Ich las Nabokovs Frühling in Fialta, vergrößerte meinen Wortschatz. Ich aß meinen ersten Bagel. Noriega landete im Gefängnis in Florida. Ich verliebte mich in ein farm girl namens Nina. Die Deutschen bekamen einen neuen Feiertag. Ich kaufte, was ich zum Leben brauchte, begann, Sachen anzuhäufen, konnte schon bald nicht mehr alles in meinen Koffer stopfen.

Jetzt stehe ich vor einem Depot in Columbus, Ohio, das ich vor einem Jahr angemietet habe, weil ich zurückwollte. Nach Berlin. Sehen, was aus Helmutland geworden ist. Ich habe eingelagert, was ich besitze. Möbel, Bücher, Briefe. Fotos, Racketballschläger, den Kunstlederkoffer. Es ist ungewöhnlich kühl und grau an diesem Sommertag. Mein Schlüssel passt nicht. Irgendwer hat das Schloss ausgetauscht. Ein Schlosser versucht seit 20 Minuten, den Riegel aufzufräsen. Ich stelle mir vor, dass nichts mehr hinter diesem Tor ist. Alles geklaut. Verkauft und verpfändet und unwiederbringlich verloren. Wie es wohl sein wird, bei null anzufangen? Nichts mehr zu haben, woran ich mich festhalten kann, nur noch ein paar vage Erinnerungen. An den Mittleren Westen, die Bücher, dieses Mädchen… Während der Mann fräst, fotografiere ich. Für die Polizei vielleicht. Spurensicherung. Oder für mich. Weil ich denke, dass sich hier ein Abschluss vorbereitet. Ich habe mich noch nicht verabschiedet von diesem Land, trotz Bush und Krieg und allem, was mit Bush zusammenhängt. Kann mir durchaus vorstellen, wieder hier zu leben. Amerika war und ist für mich das Land der Hoffnung und der Freundschaft. Mein Erweckungsland. Aber dieses Land, denke ich und schaue zu, wie der Mann das Schloss aufhebelt, verabschiedet sich von mir. Entledigt sich meiner, verteilt meinen Besitz.

Er schiebt das Tor auf. Dreck rieselt herunter. Da stehen die Möbel. Die Kartons. Mein Rennrad hat einen Platten. Verstaubt, aber unberührt. Draußen setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich gebe dem Schlosser, der es vermeidet, mir in die Augen zu sehen, ein Trinkgeld, und ich mache noch ein paar Bilder, zur Spurensicherung.

Vom Autor erschien zuletzt: "Transfer Lounge" im mare-Verlag. Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: David Wagner