Es ist heiß, als die größte Erfolgsgeschichte des modernen Sports beginnt. Mehrere hundert Menschen drängeln sich vor dem Café Réveille Matin in Ville-Neuve-Saint-Georges bei Paris. Die meisten sind nur zum Gaffen gekommen. Sie möchten sehen, was das für Kerle sind, 60 Verrückte, die um drei Uhr nachmittags ihre Fahrräder, mit Holzfelgen und ohne Gangschaltung, auf der Straße bereitstellen. An nächsten Tag, in etwa 18 Stunden, wollen die Tollkühnen in Lyon ankommen. Das liegt 467 Kilometer entfernt. So lang ist die erste Etappe der ersten Tour de France.

„Mit dem mächtigen Elan, den Emile Zola in seinem Roman La Terre seinen Bauern gibt, lanciert L’Auto als Zeitung mit avantgardistischem Mut heute das größte Rennen der Welt mit den prächtigsten, unerschrockensten aller Athleten.“ So können es die Leute an jenem 1. Juli 1903 im Leitartikel von Henri Desgrange schwarz auf gelb lesen. Gelb ist das Papier, auf dem L’Auto gedruckt wird, und Desgrange ist der Chefredakteur. Er weiß, wovon er schreibt, schließlich ist der Jurist Jahre zuvor erster französischer Meister der Straßenfahrer geworden und stellt 1893 einen neuen Stundenweltrekord mit dem Rad auf: 35,325 Kilometer. Seit drei Jahren liefert er sich einen erbitterten Kampf mit der publizistischen Konkurrenz. Die Tour ist seine Waffe. Der hohe Ton des Heldengesangs wird sie auf ewig begleiten. Ihr Aufstieg zum drittgrößten Sportereignis der Welt ist ein Triumph des Journalismus. Und ein bisschen auch des Antisemitismus.

Als L’Auto am 16. Oktober 1900 gegründet wird, steht Frankreich immer noch im Zeichen der Affäre um Alfred Dreyfus. Der Artillerie-Hauptmann und erste jüdische Offizier im französischen Generalstab wurde 1895 wegen Hochverrats verurteilt, degradiert und verbannt. Doch konservative, antisemitische Kreise haben den Prozess mit gefälschten Aussagen und gekauften Zeugen manipuliert. Das Land ist gespalten: für Dreyfus oder gegen ihn? Bis in den Sportjournalismus hinein reicht der Streit, denn Pierre Giffard, der in seinem einflussreichen Petit Journal die Anklage gegen Dreyfus heftig kritisiert, ist zugleich der Herausgeber von Le Vélo , der größten französischen Sportzeitung. Weil die konservativen Anzeigenkunden aus der Fahrrad- und Autoindustrie Giffards Haltung nicht unterstützen wollen, suchen sie nach einem neuen Medium für ihre Werbung und gründen es schließlich selbst: die Zeitung L’Auto-Vélo , gegen die Giffard sofort eine Titel-Plagiatsklage einreicht. Er bekommt Recht, fortan darf das neue Blatt, das sich in erster Linie um Radsport kümmern soll, nur noch L’Auto heißen.

Die erfolgreichsten Geschichten sind die exklusiven – und wenn man sie erfinden muss. Giffard macht Auflage mit Berichten von extremen Radrennen, die er selbst organisiert wie Paris–Brest–Paris, 1196 Kilometer nonstop. Die junge Industriegesellschaft läuft auf Hochtouren und lechzt nach Sensationen, die das Leistungspotenzial der Menschmaschine anschaulich machen. Von Anfang an ist Radsport Extremsport, bei dem Amateure keine Chance haben. Die meisten Fahrer sind Profis im Sold der Fahrradindustrie, weil kein Mensch neben den Qualen im Sattel auch noch einem "richtigen" Beruf nachgehen kann. Um in diesem reizüberfluteten Milieu Aufmerksamkeit zu erzielen und Leser zu gewinnen, muss Giffards Konkurrent Desgrange mit seiner Zeitung eine nie da gewesene Herausforderung erfinden und propagieren. Sein Reporter Geo Lefèvre hat die entscheidende Idee: ein Rennen durch ganz Frankreich.

Adler, Mörder, Kannibalen im Sattel

Schon 1895 hatte ein einzelner Fahrer, Théophile Joyeux, in 19 Tagen eine 4500 Kilometer lange Runde durchs Land gedreht. Desgrange selbst hatte den stets am Rande des Zusammenbruchs Strampelnden begleitet und immer wieder zum Weitermachen überredet. Doch wie soll aus dem einmaligen Irrsinn ein richtiges Rennen werden? Wo sollen die Fahrer schlafen? Wie werden sie verpflegt? Was kostet das alles? Gemeinsam finden Lefèvre und Desgrange auf all die Fragen Antworten – oder reden sich ein, sie hätten welche. Am 20. Mai 1903 wird die erste Tour de France in L’Auto ausgeschrieben: vom 1. bis 19. Juli sechs Etappen und einige Ruhetage, 2428 Kilometer, 20000 Franc Preisgeld, davon 3000 für den Sieger, die ersten 50 erhalten jeden Tag 5 Franc. Der große Konkurrent Giffard widmet dem Experiment in seiner Zeitung elf Wörter. Weil das Interesse der Fahrer, insbesondere der Stars, zunächst gering ist, macht Desgrange wieder, was er am besten kann: Er schreibt einen Appell. „Unterwegs werdet ihr nicht mehr Geld brauchen, als wenn ihr zu Hause bleibt. Und vergesst nicht, dass jeder, der etwas leistet, für seine 10 Franc Startgeld hohe Preise gewinnen kann. Zauderer, gebt eure Meldung ab!“ Schließlich stehen 60 Sportler am Start, darunter zwei Deutsche: Ludwig Barthelmann und Josef Fischer, der Gewinner des Rennens Paris–Roubaix 1896. Dann gibt Monsieur Abran, der Starter, das Rennen frei.

„In Annonay gibt es eine gefährliche Kurve, die beleuchtet sein wird. Prüfen Sie Ihre Bremsen, und machen Sie nicht zu viel Lärm beim Durchfahren der Stadt!“ Solche Anweisungen bekommen die Fahrer für alle Etappen, die wegen der durchschnittlichen Länge von mehr als 400 Kilometern vor Sonnenaufgang gestartet werden und erst in der Nacht zu Ende gehen. Dass die Sportler die Route kennen, mag wichtig sein. Entscheidend für Desgrange ist, dass Nachrichten vom Rennen den Weg in seine Zeitung finden. Chefreporter Geo Lefèvre, der eigentliche Erfinder der Tour, ist zugleich Renndirektor, oberster Zeitnehmer, Zielrichter und Quartiermacher. Sofort nach dem Start der ersten Etappe setzt er sich in den Zug nach Lyon, um im Ziel alles Nötige zu richten. Meldungen vom Rennen müssen die Posten liefern, die in regelmäßigen Abständen an der Strecke stehen. Per Telegramm halten sie die Redaktion auf dem Laufenden: „Vor dem Café de la Seine in Melun warten Hunderte von Menschen gespannt auf das Kommen der Tour-Fahrer. Tatsächlich, wenige Minuten später huscht das geschlossene Feld vorbei. In der Dunkelheit ist niemand zu erkennen.“ Aus diesem Material strickt Desgrange an seinem Schreibtisch in der Pariser Redaktion epische Reportagen über den „heldenhaften Kampf verwegener Männer auf den Straßen Frankreichs“. Wenn es seine Zeit erlaubt, schickt auch der Chefreporter Lefèvre Impressionen von der Strecke: „Ich sitze im Straßengraben, mein Fahrrad zwischen den Beinen, und warte auf die Spitzengruppe. Endlose Zeit verstreicht, aber dann, gegen ein Uhr morgens, nähern sich zwei schemenhafte Gestalten auf Rennrädern. Ich springe auf und brülle: ‚Wer sind Sie?‘ – ‚Garin!‘, ruft der eine mit fast fröhlicher Stimme.“