"Mein Traum ist es, Großmutter in einer Welt zu werden, in der mein Sohn und seine Frau nicht fürchten müssen, dass ihre Kinder in Deutschland, Österreich oder wo auch immer wegen ihrer jüdischen Herkunft gehasst werden"

Für eine Mutter ist es ein eigenartiger Moment, wenn einem der einzige Sohn das erste Mal sagt: "Ich habe eine Freundin, Mama. Es ist etwas Ernstes." Bei mir ist das noch nicht lange her. Heute ist Sascha 32 Jahre alt, mit Wohnsitz in Los Angeles, also zu weit weg, als dass ich auf den unweigerlichen Lauf solcher Dinge mütterlichen Einfluss nehmen könnte. Ich freue mich für ihn, denn seine Freundin Laura Goldberg ist ein fabelhaftes Mädchen, klug und ernsthaft, aus jüdischem Hause, und ihre Familie ist zum Glück nicht deutschfeindlich eingestellt.

Mein Traum ist es, Großmutter in einer Welt zu werden, in der Sascha und Laura nicht fürchten müssen, dass ihre Kinder in Deutschland, Österreich oder wo auch immer wegen ihrer jüdischen Herkunft geschnitten, verhöhnt oder sogar gehasst werden. Ich träume davon, wie sich die automatischen Türen am Flughafen Wien-Schwechat oder Berlin-Tegel öffnen, eine gänzlich unbesorgte Laura Goldberg mit meinem Enkel auf dem Arm auf mich zukommt und sagt: "Ich freue mich, in Europa zu sein und hier zu leben." Heute habe ich Angst um die Zukunft meiner Enkel. Noch sind sie nicht mal geboren, doch es stimmt mich traurig, dass mein Sohn und seine zukünftige Frau darüber diskutieren, ob sie es riskieren könnten, mit ihren Kindern nach Deutschland oder Österreich zu ziehen. Ich glaube, dass sich viele multikulturelle Paare die gleichen Sorgen machen.

Die Wurzeln meines Traumes liegen mehr als 60 Jahre zurück. Von 1938 bis 1945 führte Paula Daettwyller in Zürich eine Pension, in der sie vor allem jüdische Emigranten beherbergte. Sie war die Mutter meines späteren Ehemannes. "Das Boot ist voll": Der Satz der Schweizer Regierung zur Zeit der Naziverfolgung ist uns wohl allen in Erinnerung, der dazu führte, dass deutsche Juden nicht mehr über die Schweizer Grenze kamen. Wie viele Menschen dieser menschenverachtende Satz das Leben kostete, kann wohl niemand genau sagen. Frau Daettwyller kümmerte sich damals aufopfernd um ihre Gäste aus Deutschland, und genau diese Haltung vermittelte sie ihrem Sohn Rolf Bigler, den ich 1967 heiratete. In dieser leider viel zu kurzen Ehe – mein Mann starb zwölf Jahre später an einem Herzinfarkt – erfuhr ich viele Einzelheiten über die Dramatik der damaligen Zeit.

Bigler, einst Chefredakteur der schweizerischen Weltwoche, hatte auch einen Traum. Ihn drängte es, ein Buch über die Schicksale in der Emigrantenpension seiner Mutter zu schreiben. Dazu kam es nie, weil der Vater meines Sohnes Sascha die psychischen und physischen Folgen verlegerischer Enttäuschungen nicht verkraftete. Doch sein Buchprojekt ist in meinem Kopf, wie auch die Berichte seiner Mutter über die Schicksale der Juden, die dem Krieg zwar entkommen waren. Ihre Lebensgrundlagen waren zerstört.

Die Pässe und die Stempel. Wie oft waren diese Dokumente Auslöser für schicksalhafte Wendungen, weil Menschen irgendwo nicht hineingelassen wurden, weil ihnen Ausweise willkürlich abgenommen oder verweigert wurden. Was wäre, wenn es keine Pässe mehr gäbe, keine Grenzkontrollen, keine Einwanderungsbehörden? Dann wären Ausländerbeauftragte unnötig sowie die Diskussionen über Asyl oder Scheinasyl; dann könnten die Menschen Ehen eingehen fernab ethisch-moralischer Diskussionen und wären vor allem viele Politiker um hitzige Wahlkampfdiskussionen auf Kosten so genannter Dritte-Welt-Bürger ärmer. Meine halb jüdischen Enkel wüchsen in einer Welt auf, in der es keine Rolle mehr spielt, wer an welchen Gott glaubt und wer welches Nachbarland hat. Terroristennestern wäre der Nährboden entzogen, und die Welt könnte abrüsten. Längst wären Palästina und Israel befriedet, und man bräuchte die teuren UN nicht mehr. Schwelende Konflikte gibt es natürlich immer. Doch wären sie mit Mitteln der sanften Diplomatie lösbar. Eines Krieges bedürfte es nicht mehr, denn niemand auf der Welt hätte Gewalt als Form der Demonstration von Stärke nötig. Aber das ist alles eben nur ein Traum.

Eine grenzenlose Welt würde auch das Denken befreien. Wie würde es uns voranbringen, wenn sich jeder mit jedem über alles austauschen könnte? Ich vermute, dass es sehr viele kluge Menschen gibt, die sich in Foren, Meetings und auf Kongressen schon längst die Köpfe darüber zermartern, auf welchem Wege man beispielsweise religiöse Vorbehalte in dieser Welt beseitigen kann; eine Voraussetzung dafür, dass man vom anderen lernt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Palästinenser nicht gern einen Juden zum Freund hätte, mit dem er entspannt in einem Café in Tel Aviv säße. Mir fällt es schwer, eine Lösung des Grundkonflikts zu nennen, ohne dabei nur an der Oberfläche zu kratzen. Meine Freunde und ich empfinden ein Ohnmachtsgefühl beim Blick auf Israel und Palästina und auf die Konflikte zwischen muslimisch geprägten Ländern und den USA.

Auch die Geschichte meiner Familie führt zu meinem Traum. Meine Eltern, Attila Hörbiger und Paula Wessely, waren den Nazis wohl gesinnt. Mein Vater war in der NSDAP, meine Mutter spielte in dem Propagandafilm Heimkehr die Hauptrolle. Ich lebe heute damit, Schuld in mir zu tragen; als im Krieg Geborene habe ich nicht das Recht der Unschuldigen. Ich stelle mich dieser Vergangenheit, ich will Anwürfe und Vorhaltungen meinen Eltern gegenüber ertragen.