Wer ins Büro des Gouverneurs der Bank von Frankreich vordringen will, der steigt zunächst die Treppe hoch bis zur Galerie Dorée: einem hohen Saal mit ausgemaltem Tonnengewölbe, einer wahren Orgie aus Gold, Stuck, Skulpturen und Gemälden, Ausdruck von Macht und Selbstbewusstsein. Genau gegenüber liegt das Büro von Jean-Claude Trichet, und im Vergleich zum Prunk vis-à-vis wirkt das Allerheiligste der französischen Währungspolitik erstaunlich sachlich. Hier wird gearbeitet, nicht repräsentiert, könnte das Signal heißen. Jedenfalls wäre das im Sinne des Hausherrn.

Zur Ausstattung gehört allerdings auch ein Bücherschrank mit den Klassikern der französischen Literatur in der kostbaren Pléiade-Dünndruckausgabe. Man darf getrost davon ausgehen, dass Trichet, der Mann hinter dem Louis-XVI.-Schreibtisch, mindestens die Hälfte der Bände gelesen hat. Seine besondere Aufmerksamkeit (nach Zinssätzen, Wachstumsraten und Wechselkursen) gehört dem Dichter Charles Baudelaire, ein Opernfreund ist er außerdem.

Der 60 Jahre alte Trichet wird wohl im Spätherbst seinen stilvollen Pariser Arbeitsplatz mit dem funktionalen Eurotower in Frankfurt vertauschen. Nachdem er vergangene Woche vom Vorwurf freigesprochen wurde, in der Affäre um die ehemalige Staatsbank Crédit Lyonnais mitverantwortlich für Betrügereien gewesen zu sein, steht seiner Berufung zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) nichts mehr im Wege. Dafür gibt es Beifall von allen Seiten, offensichtlich ist er der richtige Mann für den wichtigen Platz.

Bei der Begegnung mit Trichet überrascht seine natürliche Freundlichkeit. Ihm fehlt die Nadelstreifen-Steifheit vieler seiner europäischen Notenbankkollegen oder die Würde des Amtes, wie sie sein Exkollege Hans Tietmeyer ("mon ami Hans") immer noch vor sich herträgt. Wenn Trichet überzeugen will, entwickelt er Charme und pädagogischen Impetus, meist hat er auch ein paar passende Schaubilder zur Hand. Aber wenn es nicht anders geht, weiß sich Trichet sehr wohl durchzusetzen. Eine eiserne Faust im Samthandschuh, sagen die Franzosen in solchen Fällen.

Ein Beispiel? Als Spitzenbeamter machte sich Trichet gegen Widerstände aus allen politischen Lagern für eine unabhängige Währungsbank stark. Das passte überhaupt nicht in die französische Tradition, wo ein Wort des Finanzministers die Zinsen steigen und fallen ließ, wo der Notenbankchef kaum eine andere Wahl hatte, als nach der Pfeife des Regierungschefs zu tanzen. Und Trichet sorgte dafür, dass im neuen Statut der Banque de France Preisstabiliät als vorrangiges Ziel festgeschrieben wurde – ganz im Sinne der Deutschen Bundesbank, aber konträr zur französischen Inflationsmentalität.

Trichets Karriere ist klassisch für einen Pariser Spitzenbeamten. Sie startete an der ENA, der Kaderschmiede für die Staatselite, führte (nach glänzendem Abschluss) ins Finanzministerium und dort an die Spitze des Schatzamtes, dem vor allem die Aufsicht über den öffentlichen Finanzsektor obliegt. Dazwischen lag, auch das typisch für eine Pariser Spitzenkarriere, eine politische Beratertätigkeit, erst im Stab von Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und später als Kabinettschef beim gaullistischen Premierminister Edouard Balladur. 1993 wurde Trichet Chef der Bank von Frankreich und erwarb sich mit unbeugsamer Stabilitätspolitik den Titel "Ayatollah du Franc fort". Präsident Jacques Chirac soll nicht nur einmal ungehalten auf die Ermahnungen Trichets reagiert haben.

Dennoch insistierte Chirac 1998, der erste Chef der EZB müsse ein Franzose (also Jean-Claude Trichet) werden. Als der Präsident bei seinen europäischen Partnern abblitzte, verkündete er, Trichet werde im Sommer 2002 auf den niederländischen EZB-Chef Wim Duisenberg folgen. Da stand Trichet aber wegen seines Prozesses gar nicht zur Verfügung. Dann kündigte Duisenberg seinen Abschied für den Juli dieses Jahres an – Trichet war mit der Justiz immer noch nicht im Reinen. Gönnerhaft ließ daraufhin der Holländer wissen, er bleibe gern "ein kleines bisschen länger" im Amt. Der freundliche, zielstrebige Gouverneur Trichet wusste das sicher zu schätzen. Klaus-Peter Schmid