Vorbei die Zeiten, da der Jagdausflug im Volkslied als Naturerlebnis besungen wurde. Heute ist Demo. Jeden ersten Samstag im Monat, in Berlin. Bei Veganersuppe und einschlägiger Lektüre (Der Lust-Töter) ist sich die Initiative zur Abschaffung der Jagd einig: Jäger sind Mörder.

Die Schar verkappter Mordgesellen steht unter Rechtfertigungsdruck. Naturerlebnis und Abenteuer kann man auch anders haben, etwa beim Bergsteigen. Warum also lässt der Mensch das Jagen nicht?

Er kann nicht anders. Die Jagd ist ein "Mechanismus der biotischen und kulturellen Evolution des Menschen", meldet der Biogeograf Günter Kühnle. Der These folgt eine umfängliche Begründung, die nun von der Universität Trier als Dissertation anerkannt wurde. Kühnle macht Schluss mit der Verteufelung. Sein Fazit: Jäger sind auch nur Menschen.

Doch warum sind nicht alle Menschen Jäger? Der Hang zu Kimme und Korn, erklärt Kühnle, folge "genetischen Dispositionen" – was den Höhlenmenschen auf Beutezug schickte, unterscheidet bis heute Jäger von Nichtjägern: "limbisch determinierte, kognitiv nicht repräsentierte Mechanismen". Tief im Jägerhirn wirke "ein kulturspezifischer Elementartrieb, der in Geist-Gehirn-Interaktion Jagdmotivation generiert". Besonders gemein: Weil der Jagdgeist im Unterbewusstsein sitzt, sind Jäger bei Denunziationen bockbeiniger Vegetarier hilflos – sie können gar nicht wissen, was sie zum Waidwerk treibt. Andererseits: Das Gehirn will Gründe fürs eigene Tun finden. Weil aber der kognitive Mechanismus vom limbischen nichts weiß, gerät er in Erklärungsnot über seine Motive – vor allem gegenüber sich selbst.

Doch zum Glück gibt es Kühnle – und Blaise Pascal. Der französische Denker lieferte im 17. Jahrhundert die Erklärung für das "Töten im Vollzuge der Jagd". Pascal erkannte auf "Ressentimententladung um psychischer Hygiene willen". Das funktioniert so: Das Entsetzen des Menschen vor dem Sterben erzeugt ein "reaktives Grollen" der Seele gegen das Schicksal, ein Ressentiment gegen die Natur selbst. Die Jäger treibt ein symbolisches Aufbegehren gegen den Tod.

Wer dem Autor so weit ins Dickicht der Gedanken folgte, weicht vor weiterem Begriffsgestrüpp nicht zurück. Mit Fragebögen, Tiefeninterviews und persönlichkeitsmerkmalen exploriert Kühnle die Feinanatomie der Jägerpsyche. Sein profiling an 1000 Jäger/innen und Nichtjäger/innen ergibt: Jäger jagen nicht aus Nützlichkeit. Mit der Ökologie haben sie nichts am Hut, aber Gefühlsmenschen sind sie, allesamt. "Jägerinnen und Jäger sind stärker aggressionsgeleitet, stärker durch Beherrschungsstreben allgemeiner Art bestimmt." Schmerzlich vermisst man eine drängendere Auskunft: Was unterscheidet Jäger und Jägerin? Hat Kühnle eine Fortsetzung in Arbeit?

Zum Ende gerät die Untersuchung etwas aus den Fugen. Denn der Homo Venator ist Kühnle zufolge auch kreativer, risikobereiter, unternehmerisch aktitletiver, zuverlässiger. Schon möchte man sich beim nächsten Jagdverein anmelden. Doch Kühnle sieht sich „aus soziologischer Sicht in kultureller Absicht“ zu dem Hinweis genötigt, „dass Jäger überwiegend unteren Schichten der Gesellschaft angehören und in Politik, Wissenschaft, Industrie und Unternehmertum eher durch abnorme Persönlichkeiten repräsentiert sind“. Dunkel dämmert’s; wie gestalteten Franz Josef Strauß und Erich Honecker ihre Freizeit?

Am Samstag ist wieder Demo.