Wir leben im Internationalen Jahr des Süßwassers, doch kaum einer hat es gemerkt. Das wollen Hessens Kultusministerin Karin Wolff und ihr Kollege Wilhelm Dietzel (Umwelt- und Verbraucherschutz) ändern. Sie appellieren an die Lehrerschaft, das Thema "Wasser" in der Praxis zu vertiefen. Dieses "Ur-Kernelement" solle "in möglichst viele Fächer" einfließen. Sie berufen sich dabei auf Thales von Milet, der bereits 600 vor Christus postulierte: "Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, aus Wasser ist alles, und in Wasser kehrt alles zurück." Er meinte, Erde und Kosmos seien aus dem Wasser entstanden.

Dies entspricht nicht ganz dem Stand der Wissenschaft, aber die Minister rufen ja nicht zum Seminar, sondern zur Vertiefung in der Praxis auf. "Kläranlagen, Unternehmen mit eigener Kläranlage, das örtliche Wasserwerk" – da sollen Schüler den Fortschritt bestaunen: Wasserrecycling, Wasserspartechnologien, die Nutzung von Regen- und Grauwasser. Als Anreiz werden "Wasserrucksäcke" verlost, mit einem "Klassensatz" Becherlupen und Teststreifen.

Doch der Unterricht am Klärbecken könnte bald den Schlamm von gestern vermitteln. Forscher der RWTH Aachen haben die Wasserinfrastruktur des Jahres 2050 entworfen und Kläranlagen durch hauseigene High-Tech ersetzt. "Die Biotonne geht, der Urintank kommt" – so bringt es die Pressemitteilung der RWTH auf den Punkt. Gefördert von der WestLB-Stiftung Zukunft NRW, haben die Siedlungswasservisionäre die Versorgungsmonopole privatisiert und durch dezentrale Lösungen nachhaltig ersetzt. Kommunale Ver- und Entsorgungsrohrnetze verschwinden, die Häuser werden autark, beziehen ihr Wasser vom Himmel.

Im heimischen Kreislauf erhält Wasser vielfältige Funktionen und Farben. Je nach enthaltenem "Wertstoff" wird es in verschiedenen Tanks gesammelt, aufgearbeitet und recycelt. "Gelbwasser" stammt vom vorderen Rand spezieller Separationstoiletten (uriniert wird nur im Sitzen). Vakuum saugt den Urin in einen Sammeltank. Entsorgungsfahrzeuge fahren das Gelbwasser zu Aufbereitungsanlagen. Dort wird "wertvolles Düngemittel für die Landwirtschaft erzeugt, die Belastung der Kläranlagen mit Medikamentenrückständen und hormonell wirksamen Substanzen sinkt".

Vom hinteren Rand der Toiletten kommt "Braunwasser". Die Fäkalien dienen vor Ort der Erzeugung von Biogas. Brennstoffzellen verwandeln das Gas in Ökostrom. Die Gasproduktion wird gesteigert dank einem Biohächsler. Er zerkleinert Küchenabfälle und entsorgt das Grünwasser via Küchenspüle. "Die geruchsbelästigende Zwischenlagerung in Biotonnen wird buchstäblich überflüssig", heißt es.

Die Wassertechniker lassen keinen Wunsch offen. UV-Strahler am Zapfhahn bescheren keimfreies Trinkwasser. In verschiedenen Leitungen zirkulieren Grauwasser, Spülwasser, Pflegewasser und allerlei andere Wässerchen. Nur Löschwasser ist knapp im autarken Haus. Aber keine Bange, Brandmelder beugen Feuersbrünsten vor. Unbegründet ist auch die Angst vor ständigen Reparaturtrupps im Heim. Die ganze Aufbereitungs-, Ver- und Entsorgungstechnik steht im Keller und wird von privaten Dienstleistern ständig fernüberwacht. Ökologisch ist die autarke Wassertechnik ebenfalls super, war auf allen Nachhaltigkeitsebenen Sieger.

Nur die Nachfrage ergab kleine Macken. Schafft der Küchenhächsler den Rasenschnitt? "Nun ja, noch ist die Biotonne nicht ganz verzichtbar." Klappt die Klärung von Gelbwasser? "Wir bekommen gerade die Pilotanlage. Aber die Idee ist genial." Auch die Kosten sind unklar. Macht nichts, Hauptsache, NRW hat Zukunft. Bei so viel Genialität sind die Hessen bald abgehängt und unterrichten Thales am Klärbeckenrand. Hans Schuh