Im Jahr 2020 wird jeder Zweite in Deutschland über 50 Jahre alt sein, 2030 wird ein Beitragszahler einen Rentner finanzieren müssen. Angesichts dieser Katastrophenszenarien der Demografen diskutierten vergangene Woche mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung führende Experten in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft über die "Vergreiste Republik". Wir dokumentieren Auszüge der Debatte. Das vollständige Transkript des Forums ist online unter www.zeit.de/2003/27/altern nachzulesen.

die zeit: Herr Baltes, wird unser Sozial- und Gesellschaftssystem kollabieren?

Paul Baltes: Unser Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von der Struktur des Lebenslaufs her für eine jüngere Bevölkerung gemacht wurde.

Im Jahr 2050 werden die jungen Alten, die 70-, 80-Jährigen, aktive Teilnehmer an der Gesellschaft sein. In Deutschland haben wir ein Konzept von Arbeit, das mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Altwerdens nichts zu tun hat: Ältere Menschen haben andere Interessen, andere Motive, andere Stärken.

Außerdem fällt es ihnen schwerer, Neues zu lernen. Aber sie sind gut, wenn es um sozial-emotionale Intelligenz geht. Die Arbeitswelt des Alters muss einen Neuanfang darstellen, eine berufliche Renaissance.

zeit: Muss man nicht auch das andere Ende der Arbeitsbiografie verändern?

Jutta Allmendinger: Ja. Wir denken immer daran, dass wir Kindererziehung und Erwerbstätigkeit parallelisieren sollten. Jetzt haben wir aber eine wesentlich längere Altersphase. Entzerren wir doch die Dinge! Können wir uns nicht Jahre nehmen für eine Kindererziehung und dann Jahre für eine Erwerbstätigkeit? Das wird auch deshalb notwendig werden, weil die Bevölkerung nicht nur älter wird, sondern auch abnimmt. Wir haben weniger Menschen, und wir wissen, dass die Qualifikationen dieser Menschen aufgrund der stagnierenden Bildungsexpansion nicht mehr zu den Tätigkeitsbereichen von morgen passen werden. Und wenn sie passen, dann passen sie auf Frauen, weil diese jetzt schon die Qualifizierteren sind. Das sieht man an der Pisa-Studie, das sieht man am Anteil der Abiturientinnen und der Studentinnen und auch bei den Studienabschlüssen. Vor diesem Hintergrund kann man sich sogar vorstellen, dass dereinst die Frauen die Männer unterstützen und die Männer aufgrund ihrer niedrigeren Qualifikationen die Kinder zu erziehen haben.