Ihr Vater war schwerblütig, aber nicht ohne Humor. Er verlangte viel von sich und anderen. Sie glaubte, einiges von seinem Wesen geerbt zu haben. Die Mutter stammte aus einer adligen Familie, die einen guten Namen, aber kein Geld hatte. Dafür besaß sie Optimismus, Fantasie und Bildungshunger. Die Kraft und die Begeisterung vererbte sie ihrer Tochter. Die sechs Kinder des Paares hielten sehr zusammen und unterstützten sich gegenseitig.

Als junges Mädchen begann sie zu zeichnen. Bei Verwandten in England bekam sie den ersten Malunterricht. Danach besuchte sie, dem Vater zuliebe, ein Lehrerinnenseminar. Doch immer, wenn sie etwas anderes machen musste als das, was ihre Berufung war, reagierte sie mit Launen bis zur Krankheit. Bei Onkel und Tante in Berlin konnte sie kostenlos wohnen und beim Verein Berliner Künstlerinnen Malunterricht nehmen. (Um die Jahrhundertwende war es Frauen verboten, die Kunstakademie zu besuchen.)

Sie war eine begeisterte Studentin: Meine ganze Woche besteht eigentlich nur aus Arbeit und Gefühl. Ich arbeite mit einer Leidenschaft, die alles andere ausschließt. Dies blieb das Motto ihres Lebens.

Schon als 19-Jährige war sie mit einer Künstlergruppe in der Nähe ihrer Heimatstadt in Berührung gekommen. Dorthin kehrte sie nach ihrer ersten Ausbildung zurück. Sie mietete ein kleines Atelier bei einem Bauern und arbeitete, fasziniert von der Landschaft und den Menschen. An ihre Schwester schrieb sie: Ich verlebe jetzt eine seltsame Zeit. Vielleicht die ernsteste meines kurzen Lebens. Ich sehe, daß meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, daß Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muß ich ihm folgen. Ich fühle, daß die Menschen sich an mir erschrecken, und doch darf ich nicht zurück.

Bald wagte sie es, ihre Arbeiten in der Kunsthalle auszustellen. Die Kritik war vernichtend. Nachdem sie verschiedene Reisen unternommen hatte, ging sie für ein halbes Jahr nach Paris. In diesem halben Jahr lernte sie sehr viel.

Als sie zurück war in ihrem Atelier, schrieb sie, in einem Zustand körperlicher Schwäche - sie hatte während des Pariser Aufenthalts zu viel gearbeitet und sich kärglich ernährt - in ihr Tagebuch: Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte.

Am Ende des Jahres verlobte sie sich mit einem der Künstler, einem angesehenen Maler, dessen Gemälde ihr gut gefallen hatten. Er war älter als sie, und er hatte einige Zeit vorher seine Frau verloren. Er war der Einzige, mit dem sie über ihre Kunst sprechen konnte. Er war überrascht von ihrer Entwicklung und ihrem Urteil, und er kämpfte um ihre Anerkennung in ihrer Künstlerfamilie, in der man sie nicht ernst nahm. Sie strebte zur Einfachheit, aber er konnte ihr nicht folgen. Ins Tagebuch schrieb er: (Sie) ist das Gegenteil, sie haßt das Konventionelle und fällt nun in den Fehler, alles lieber eckig, häßlich, bizarr, hölzern zu machen. Die Farbe ist famos, aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel. Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins. Sie ladet sich zuviel auf. Zwei Köpfe. Vier Hände auf kleinster Fläche, unter dem tut sie's nicht, und dazu Kinder. Rat kann man ihr schwer erteilen, wie meistens.