Im Irak sterben jeden Tag Soldaten der von den USA angeführten Besatzungsmächte. Zuletzt kamen sechs britische Soldaten in Amarah ums Leben, einer kleinen Ortschaft im Süden des Landes. Wie es zu dem Blutbad kommen konnte, ist nicht endgültig geklärt. Wenn man den spärlichen Nachrichten glauben kann, sind die Briten einem „kleinen Volksaufstand“ zum Opfer gefallen. Angeblich haben die Soldaten Frauen in der Ortschaft belästigt und das mit dem Tod bezahlt.Die Wahrheit wird sich schwer herausfinden lassen, aber gerade das ist nötig. Die Besatzungsmächte müssen nämlich verstehen, wer sie nahezu täglich angreift. Sind es Anhänger des alten Regimes von Saddam Hussein? Entwickelt sich hier eine neue Widerstandsbewegung? Oder ist es eine Mischung aus beidem? Vor allem aber: Warum gibt es diesen bewaffneten Widerstand?Nur wenn sie Antworten auf diese Fragen finden, haben sie eine Chance, ihre Versprechen auf Wiederaufbau und Demokratisierung einzulösen.Die USA haben in der Überzeugung gegen den Irak Krieg geführt, dass sie ein ganzes Volk von einer der schlimmsten Diktaturen dieses Jahrhunderts befreien. Tatsächlich empfindet die überwiegende Mehrheit der Irakis den Einmarsch der USA als eine Befreiung. „Wir lieben die Amerikaner dafür, dass sie uns von Saddam erlöst haben. Aber unsere Liebe wird nur von kurzer Dauer sein“, sagte ein Mullah aus dem Schiitenviertel in Bagdad kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen. Dass diese Liebe schnell verfliegen würde und dass sie an Bedingungen geknüpft würde, haben die Amerikaner nicht bedacht.Die Irakis nämlich erwarteten sich viel von der Befreiung, vor allem eine schnelle Besserung ihre Lebensverhältnisse. Die aber ist auch drei Monate nach dem offiziell von George W. Bush verkündeten Ende der Kampfhandlungen nicht eingetreten. Immer noch haben die Bewohner von Bagdad in weiten Teilen kein fließendes Wasser und nur vier Stunden Strom am Tag. Ganz zu schweigen von dem Heer der Arbeitslosen, das seit der Befreiung noch größer geworden ist.Kurz gesagt: Die Enttäuschung unter den Irakis ist groß. Und das ist Wasser auf die Mühlen jener, die jetzt eine Art Guerillakrieg gegen die Besatzungsmacht führen. Die Amerikaner müssten das zur Kenntnis nehmen, aber das fällt ihnen schwer, denn sie sehen sich nicht nur als faktischer Sieger - sondern auch als moralischer. Warum man auf die Befreier schießt, das ist eine Frage, auf die sie keine Antwort finden. Dabei könnten sie sich einen Satz eines Delegierten des Roten Kreuzes im Irak zu Herzen führen: „Wenn die Koalitionsmächte den Krieg so vorbereitet hätten wie den Frieden, dann hätten sie ihn verloren.“ Darin steckt viel Wahrheit.