Seit gut drei Jahrhunderten wird auf der Insel der Fuchs gejagt; nun will eine massive parlamentarische Mehrheit dem Treiben ein für allemal ein Ende bereiten. Die erste Hürde wurde bei der Abstimmung im Unterhaus überwunden. Mit satter Mehrheit von Labour, Liberaldemokraten und ein paar Tories. Eigentlich hatte die Regierung Blair ein totales Verbot vermeiden und, ganz nach bewährter New Labour Methode, eine Art „Dritter Weg“ durchzusetzen wollen, eine Mischung aus Verbot und scharfer Regulierung, die es zumindest in einigen Gegenden erlaubt hätte, weiterhin hoch zu Ross hinter der Hundemeute herzujagen, bis der Fuchs von den Hunden eingeholt und zerrissen würde. Doch Blair und Co. schreckten vor einer Konfrontation mit den eigenen Fraktion zurück. Die Labour Hinterbänkler hätten nicht mitgemacht. Sie sind rebellischer geworden. Tony Blairs Autorität aber ist angekratzt, nicht zuletzt wegen des Irakkrieges. Deshalb entschloss sich der Premier, den Bauchgefühlen der Abgeordneten nachzugeben.Mit dieser Taktik hat sich die Regierung nur kurzfristig Ruhe an der innerparteilichen und parlamentarischen Front eingehandelt. Der Konflikt, politisch hochexplosiv, wird weiter schwelen. Das Oberhaus wird dem Unterhaus widersprechen und das Gesetz stoppen. Dann wird die wirklich knifflige Phase beginnen für die Regierung. Zwar kann sie mit Hilfe der Unterhausmehrheit das Nein der Lords aushebeln. Doch danach wird der Sturm erst richtig losbrechen. Es droht ein bitterer Verfassungskonflikt, begleitet von gewaltigen Demonstrationen der Jagdbefürworter und dem Beginn von Aktionen des zivilen Ungehorsams in ländlichen Regionen. Kaum ein Thema britischer Politik ist so emotional aufgeladen und umkämpft wie ausgerechnet die Fuchsjagd.Die Gegner der Fuchsjagd boten in der Debatte des Unterhauses noch einmal alle Argumente gegen die Fuchsjagd auf: Grausam, eine Tierquälerei, unwürdig einer zivilisierten Gesellschaft. Die Jagd ist „unsere Musik, Poesie und Kunst, hier gewinnen wir die besten Freunde, sie ist a way of Life, Teil unseres Lebens,“ konterte noch am späten Abend eine Baronin, die der Labourparty angehört und die nun mit ansehen muss, wie ihre eigene Partei wild entschlossen ist, sie um diesen Teil ihres Lebens zu bringen.Früher hatte sich die Linke nicht um das Schicksal von Reinecke Fuchs geschert. Erst in seit den 90er Jahren entdeckten die Labouraktivisten die Fuchsjagd als ein dringendes politisches Anliegen. Das Verbot, das sie nun durchpauken wollen, ist zu einem Gutteil politische Ersatzbefriedigung. Im Zeichen von Dritter Weg und Neuer Mitte ist Klassenkampf passe. Stattdessen wird pragmatische Politik praktiziert. Man kann denen das Leben nicht länger schwer machen durch hohe Steuersätze, Enteignung oder Nationalisierung. Aber man kann die „Toffs“, die feinen Pinkel, ihres Vergnügens berauben. Das ersehnte Verbot der Fuchsjagd ist so betrachtet ein Akt postmoderner Politik. Die Fuchsjagd wurde von ihren Gegnern zum Symbol für Privileg, Unterdrückung und Grausamkeit hochstilisiert. Für die andere Seite dagegen symbolisiert die Jagd Tugenden, die in der städtischen Massengesellschaft verloren gehen: Ehre, Courage, Abenteuer, Respekt und Unabhängigkeit. All das ist nun gefährdet durch eine ebenso ignorante wie sentimentale städtische Mehrheit, die einer Minderheit ihren Willen aufzwingen will. Zu dem Kampf zwischen oben und unten gesellt sich der Gegensatz zwischen Stadt und Land, der noch angeheizt wird durch die angespannte soziale Lage auf dem Lande. Vielen Bauern geht es miserabel, nach BSE und Maul und Klauenseuche. Die Zahl der Farmen schrumpft stetig, viele Bauern haben resigniert aufgegeben. Mit dem Ende der Fuchsjagd würde tausende von Jobs verloren gehen und, genauso wichtig, sozialer Kitt, der die ländlichen Gemeinden zusammenhält. Kein Wunder, dass es der Countryside Allianz keine Mühe machen wird, erneut hunderttausende für einen Protestmarsch nach Lodnon zu gewinnen, wie schon zweimal in vergangenen Jahren vorexerziert.Eine Mehrheit der Inselnation stimmt dem Verbot der Fuchsjagd zwar nachwievor zu, doch sie ist letzthin deutlich zusammengeschrumpft. Immer mehr Briten, die nichts übrig haben für die Jagd, fühlen sich unbehaglich angesichts eines Verbotes und plädieren für Toleranz und der Schutz der Rechte einer Minderheit. Was bleibt, wenn man alles verbietet, was einer Mehrheit missfällt? Warum nicht gleich auch noch das Sportangeln untersagen, das zu den Hobbies vieler Labourpolitiker zählt, oder die Halal Schlachtmethode verbieten, die in moslemischen und jüdischen Gemeinden des Landes praktiziert wird? Mit einem Einwand, den er brieflich in einem privaten Brief an die Regierung erhob, hat Prinz Charles zweifelsohne Recht: Die sentimentale urbane Mehrheit im Unterhaus hätte es nicht gewagt, die Fuchsjagd zu verbieten, zählte sie zu den Traditionen einer farbigen Minderheit Großbritanniens und nicht der einer vornehmlich weißen Bevölkerungsgruppe. Der Fuchs aber geht harten Zeiten entgegen, sollte das Verbot in ein paar Jahren in Kraft treten. Man wird ihn weiterhin nach dem Laben trachten, mit Gewehr und Schlinge, um eine Explosion der Fuchspopulation zu verhindern. Die Erfahrung lehrt, dass die Tiere dabei oft nur verwundet werden und einen langen jämmerlichen Tod zu erleiden haben. Die Meute der Jagdhunde dagegen zerreißt den Fuchs in wenigen Minuten. Sie bereitet ihm damit das gleiche Schicksal, das er selbst anderen Tieren zufügt.