Das Kassettengerät auf dem Kühlschrank macht Klack. Pippi Langstrumpfs Abenteuer auf Taka-Tuka-Land sind zu Ende. Mutter und Tochter schnappen sich Einkaufszettel, Einkaufstaschen, den Eierkarton, leere Saftflaschen. Ein hastiger Blick noch in den Brotkorb. Tschüü-üss!

Ich stehe allein in der Küche – endlich - und klaube zwanzig Karotten aus dem Gemüsefach, setze den Schäler an – und halte inne. Erst die Musik. Schließlich habe ich Zeit. Das Möhrenmousse, mein Beitrag zum abendlichen Grillen bei Freunden, ist in zwanzig Minuten hinpüriert – die Frauen aber werden frühestens in einer Stunde vom Einkauf zurück sein. Da suche ich mir, bevor ich zum Karottenschälen die Schürze umbinde, doch erst in aller Ruhe etwas Schönes heraus. Etwas von den Dingen, die ich mir stets allein anhören muss. Etwas aus meinen musikalischen Giftschränken. Wo ist nur, verflixt, die Schachtel mit den alten Kassetten? Bestimmt im Stauraum. Ah, hier, zwischen Bierkiste und Glühbirnendepot. Meine Finger wühlen zurück in die Vergangenheit, scharren sich durch Highlights und Geschmacksverirrungen der achtziger und siebziger Jahre, stoßen sich an Udo Lindenberg, puffen Boomtowns Rats und Led Zeppelin, kratzen sich wund an Uriah Heep. Oh Gott: ELO! Ich grabe mich durch die Sedimentschichten der letzten vier Umzüge und fördere ein mit Bleistift beschriftetes, gold glänzendes Maxell-Tape (2 mal 45 Minuten) zu Tage. Vorderseite Ramones, Rückseite ein Sampler: "This is Boston, Not L.A.". "This is Boston, Not L.A."! Ich habe mich nie davon getrennt. Das wusste ich. Nur ab und an hatte mich die Angst überkommen, das Kleinod sei irgendwann in den Jahren zwischen Möbelstücken zerrieben worden.

Stolz trage ich das Fundstück in die Küche, besehe die Gebrauchspuren und rechne. Zwanzig Jahre ist das her! Mit dem Gefühl, einen Verrat zu begehen, klaube ich Pippi aus dem Gerät. Ich schiebe die Maxell-Kassette ein, spule zurück zum Anfang von Seite B, schließe andächtig die Klappe, schaue noch einmal auf die Uhr und fiebere den ultraschnellen Riffs entgegen. Denn die Kassette ist eine Zumutung. Ein Geschenk von Porky. Ich lag im Krankenhaus, 1983, hingebrettert nach ungeschicktem Fahrverhalten. Auch die Suzuki war im Eimer. Da brachte mir Porky das frisch kopierte Meisterwerk ans Bett. Zur Aufmunterung, zur Genesung. Das sei, meinte er, die richtige Dosis Dope für lange Wochen unter Infizierten und Verkehrsversehrten.

Ich halte die Karotte fest, als Jerry’s Kids mit "Straight Jacket" losknallen. Ich bringe das Porzellan in Sicherheit, als dieselbe Gruppe "Uncontrollable" durch meine Küche ballert. Ich denke an das Entsetzen der Nachbarn unter uns und schraube so mutig wie einst am Volume. Die Petersilie huscht in Deckung, der Kühlschrank rumpelt stöhnend, das Kassettengerät fleht um Gnade. Nichts da! Da muss man durch. Die Karotten tanzen Pogo in meiner Hand. Und The Proletariat, The Freeze und Decadence liefern Schlag auf Schlag: "Kill a Commie", "Slam", "It’s only Alcohol". Kürzestsongs im Minutentakt. Dreißig hammerharte Prügeleien in einer halben Stunde.

Dann dämpfe ich die Karotten im Schnelltopf weich. Kümmel, sechs Löffel Olivenöl, eine Zitrone, Salz. Zu "Idiots at Happy Hour" bringe ich den Pürierstab in Stellung, metzle alles klein. Schon damals gehörte das Sammelwerk zu den Dingen, die man nicht jedem zumuten darf. Sieben Bostoner Punkbands gaben damit Antwort auf einen Trend Anfang der achtziger Jahre. Kalifornien galt als Mekka des amerikanischen Hardcore-Punk. Das passte den Ostküstlern nicht. Sie wehrten sich mit einer Offenbarung. Jede Band steuerte mindestens ein Stück bei. "This is Boston, Not L.A." war noch härter, noch schneller. Den unter kalifornischer Sonne weichgekochten Rotzbuben hatten sie es gezeigt. Jetzt explodiert "Time Bomb". Das vorletzte Stück. Ich zittere am ganzen Leib, tanze Pogo, jongliere mit dem Knoblauch und lege ihn zur Pfefferminze. Diese beiden Zutaten werden erst abends, beim Grillen, mit Joghurt dazugegeben. Ein Rülpser von Freeze. Dann macht die Band mit "Boston, Not L.A." den Abschluss. Ein bisschen Salz noch. Dann stelle ich das Püree zum Kühlen weg.

Die Schlacht ist geschlagen. Ich schnüre die Schürze auf, befreie den Recorder und glaube ein erleichtertes Schnaufen zu vernehmen, als ich Pippi zurück ins Gerät schiebe. In zehn Minuten, schätze ich, sind die Frauen vom Einkaufen zurück. Da bleibt Zeit, die Küche aufzuräumen. Schön, wenn alles seine Ordnung hat.

Vibrierend
Ihr Urs Willmann