Die Beine kleben unangenehm an dem heißen Kunstledersitz des Reisebusses, dort, wo die kurze Hose die Oberschenkel nicht bedeckt. Es ist ein Augusttag 1975 in Köln. Die Sommerferien haben gerade begonnen, und die Jugendgruppe einer kleinen Kirchengemeinde trifft sich am Samstagmittag auf einem Parkplatz zur Jugendherbergsfahrt in die Eifel. Ein 18-jähriger Gruppenleiter mit ausgefransten Jeans macht auf einer Liste ein Häkchen für jeden, der den Bus besteigt. Neben ihm steht ein offener Schuhkarton, in dem kleine rote Heftchen gestapelt sind. Auf der Vorderseite des Kartons klebt ein handgeschriebener Zettel: "Mundorgel 50 Expl.". Er drückt jedem eins der roten Büchlein in die Hand. "Wenn du aussteigst, bitte wieder in den Karton tun." Ihr Austeilen und Einsammeln, das ist ein Ritual: für die Tischgebete, die Feldmesse, das Lagerfeuer und die Wanderungen. Durch den nur auf kurze Zeit begrenzten Besitz wird aus der Mundorgel etwas Besonderes und Kostbares, etwa wie das Eis am Sonntagnachmittag.

Kaum hat sich der Bus in Bewegung gesetzt, knackst es aus dem Lautsprecher. Der Kaplan hat das Mikrofon zu nah an den Mund gehalten: "Schlagt doch mal Wir wollten mal auf Großfahrt gehen auf" und stimmt nach einer Blätterpause die Melodie I came from Alabama an. Allmählich wird die kräftige tiefe Stimme von vielen lauten, hellen Tönen übersungen. Die 150-Kilometer-Tour in die Eifel bekommt mit dem Weltenbummlerlied das Flair sehnsüchtiger Ferne.

Wir wollten mal auf Großfahrt gehen
bis an das End der Welt.
Das fanden wir romantisch schön,
mit Kochgeschirr und Zelt!
Wir sind nun mal so,
gehen auf große Fahrt zum Nordpol
und nach Mexiko,
so recht nach Lausbubenart.

So erlebten es in den großen Tagen der Mundorgel Millionen. 1975 stand sie sogar auf Platz fünf der Jahresbestsellerliste vor Alexander Solschenizyns Archipel Gulag und Johannes Mario Simmel. In diesem Jahr wird die Mundorgel 50 Jahre alt, und sie zählt noch immer zu den populärsten Büchern überhaupt. Jeder zweite Westdeutsche kennt sie, jeder vierte besitzt sie laut einer Studie der Universität Köln.

Eine spontane Idee unter Studenten war es, als der angehende Realschullehrer Dieter Corbach mit seinen Freunden Ulrich Iseke, Hans-Günther Toetemeyer und Peter Wieners die Mundorgel ersann. Die vier evangelischen Jugendgruppenleiter des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) hatten es satt, dass Lieder nach der ersten Strophe abbrachen, weil fast niemand textsicher war. Ein handliches Heftchen fehlte, das zeitgemäßes, traditionelles und vor allem christliches Liedgut sammelte. Gemeinschaftliches Singen war für viele in dieser Zeit Passion und Gruppenhobby. "Eine ungefährliche Droge, die fröhlich macht und die Gemeinschaft fördert", nannte das Corbach, der 1994 starb. Das Singen in der Gruppe als ein im Takt geordneter Rausch, der jugendlichen Übermut im harmlosen Klamauk von Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad oder im lautmalerischen Drei Chinesen mit dem Kontrabass kanalisierte.

Nur für ihren Kölner Zirkel und das Zeltlager in Altberg/Nistertal ließen die vier am 1. August 1953 die ersten 500 Stück zum Verkaufspreis von 50 Pfennig drucken. Sie nahmen ohne langes Besehen auf, was ihnen einfiel. So waren in der ersten Auflage auch Lieder der Hitlerjugend und christliche Schlachtengesänge dabei:

Wir fangen ein neues Streiten,
ein jeder reihet sich ein;
der Herr braucht uns alle, Mann für Mann,
wir wollen sein Stoßtrupp sein.
Wir folgen dir nach, Herr Jesus Christ!
Mannhafte Jugend steht freudig im Kampf,
wenn Christus der Heerführer ist.

Zuerst in grünem Einband – passend zum grünen Fahrtenhemd des CVJM –, verbreitete sich die Mundorgel wie ein Lauffeuer. Der Funke sprang von der evangelischen Jugend auf die katholische über; Pfadfinder, Wandervereine und auch der Schulunterricht verwendeten sie. Wenn die Mundorgel ausgeteilt wurde, rückten alle zusammen. Sie war der Kitt der Gemeinschaft.