Ich habe die kleine fleckige Karte auf dem Dachboden entdeckt. Sie lag in einer rostigen Blechdose, zusammen mit alten Fotos und Briefen. Ich bin auf sie aufmerksam geworden, weil ich die Handschrift so schön fand. Wie einen Schatz habe ich sie seither verwahrt. Schon als Kind, wenn ich auf dem Speicher saß, habe ich die alte Karte hervorgekramt und in meinen Händen hin und her gedreht. Sie sah so fremd aus. Kein Stempel, keine Briefmarke.

Die Vorderseite der Karte ist vorgedruckt: "An" und "In", die Zeile für den Bestimmungsort dick unterstrichen. "Breyell" war eingetragen und in Klammern "Rheinland". Auf der linken Seite der Postkarte hat jemand mit dünner blauer Tinte einen amtlichen Hinweis geschrieben. Akkurat, in kleinen Druckbuchstaben. "Zur Beachtung" ist unterstrichen. Dann noch die Anweisung: "Nichts hinzufügen. Widrigenfalls wird die Karte vernichtet."

Am oberen Rand der kleinen Karte steht – fein säuberlich über die ganze Breite verteilt – wie eine Überschrift "Prisoner of War PostCard, Kriegsgefangenensendung". Merkwürdig, es ist offensichtlich eine deutsche Karte. Vielleicht für Gefangene der Wehrmacht gedacht. Die Engländer hatten wohl den Spieß einfach umgedreht und die bei ihrem Vormarsch erbeuteten Postkarten an ihre eigenen Gefangenen verteilt.

Die ehemals beigefarbene Postkarte ist abgegriffen und an den Rändern leicht eingerissen. Auf der Rückseite steht nur wenig Text. Eine kleine Liste, wie auf einem Formular. Vier Zeilen: "Ich bin in englische Gefangenschaft geraten." Darunter: "Bin gesund." Dann: "Bin leicht verletzt" – dieser Satz ist durchgestrichen, "feste Adresse folgt". Mein Vater hat den vorgeschriebenen Absender ausgefüllt. Gefreiter Hermann Küsters, die Regimentsnummer und das Datum: 20.6.43. Wenige Tage vor seinem 21. Geburtstag. Die wenigen handgeschriebenen Wörter sind das einzige Lebenszeichen meines Vaters auf der tristen Mitteilung. Abgeschickt irgendwo aus der Wüste zwischen Tobruk und El Alamein. In dem kleinen Dorf an der holländischen Grenze wird sich die Nachricht bestimmt schnell herumgesprochen haben: Hermi lebt.

Später kamen dann noch zwei Postkarten aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Auch sie habe ich in der Blechdose gefunden. Diese Karten sind schmale hellgrüne Regierungsvordrucke. "Postkarten für Kriegsgefangene, portofrei", steht in Englisch und Deutsch darauf. Vaters Handschrift wirkt ungelenk. Eher ungeübt. Auf der einen hat er mit Bleistift das Wort "Konzentrationslager" durchgestrichen und stattdessen "Kriegsgefangenenlager" darüber gesetzt. Oklahoma, 10.September 1943. In der Rubrik "Mein Gesundheitszustand ist" steht "sehr gut". Zwei Stempel: einer vom Zensor, ein roter vom Internationalen Roten Kreuz. Jemand anderes hat noch mit der Hand Deutschland über die Adresse geschrieben. Auf der zweiten grünen Karte steht "23. Oktober 1943" und "Camp Roswell, New Mexico".

In der Blechdose auf dem Speicher lagen unter den Postkarten auch Fotos: mein Vater in einer Reihe mit anderen Männern. Sie lachen und haben ein großes "PW" auf den Hosenbeinen – prisoner of war , Kriegsgefangener. Manchmal hat Vater von der Zeit in Amerika erzählt. Wenn Besuch da war. Wie sie aus dem Plexiglas von Flugzeugkanzeln Ringe oder Armreifen gefeilt haben, um sie außerhalb des Arbeitscamps zu verkaufen oder zu tauschen. Erst waren die Plastikringe oder Armreifen stabil. Später wurden sie dünner gemacht, damit sie schneller brachen, um wieder neue verkaufen zu können. Er lachte bei seinen Erzählungen, besonders wenn er erzählte, wie sie in einer Konservenfabrik die Fließbänder umgestellt haben. Hähnchen kamen in die Dosen für Tomaten, die Tomaten landeten in den Dosen mit Hähnchen-Etiketten. Oder wie die Amis – wie er sie nannte – die Spielfeldränder auf dem Sportplatz mit Mehl markiert haben: So gut ist es uns gegangen. Wir haben nicht hungern müssen wie ihr.

Ich habe mich am Küchenofen ganz klein gemacht und zugehört. Wenn die Bierflaschen mit dem Bügelverschluss auf dem Tisch standen, wusste ich, bald erzählen sie wieder. Ich konnte mich gar nicht satt hören und wollte nicht ins Bett. Vater hat mir seine Odyssee einmal mit einem Filzstift auf einem Leuchtglobus eingezeichnet. Deutschland, Afrika, Amerika, England, zurück nach Breyell. Wenn ich die Weltkugel eingeschaltet habe, erschien die lange Strecke schwarz gegen den leuchtenden Hintergrund.