Er prägte die New Economy, die damals noch deutsches Wirtschaftswunder hieß. Der Computerpionier hatte alles, was viele seiner Nachfolger fünf Jahrzehnte später vermissen ließen: Er blieb bescheiden, zeigte Geduld, bis er an die Börse ging – und verspürte soziale Verantwortung. Kurzum: Heinz Nixdorf war ein echter Unternehmer.

Das heißt nicht, dass er immer alles richtig machte. Und schon gar nicht, dass er das war, wofür ihn noch heute viele halten: ein Tüftler oder gar Erfinder. Dieser oft verbreiteten Mär widersprach bereits Klaus Kemper in seinem Buch Heinz Nixdorf – Eine deutsche Karriere. Gleichwohl zeugt die Biografie von großer Bewunderung für den Unternehmer und sein Lebenswerk. Sie erschien 1986, also in jenem Jahr, als Heinz Nixdorf überraschend starb. Er werde "in seinem Unternehmen fortleben und so wahrscheinlich noch lange die Entwicklung einer der zukunftsträchtigen Branchen beeinflussen", lautet Kempers letzter Satz. In diesem Punkt irrte er.

Die Firma Nixdorf Computer AG ging unter – und damit die Hoffnung, dass es das deutsche Unternehmen auf dem Weltmarkt mit den amerikanischen Branchenriesen aufnehmen könnte. Das Unternehmen, das die Entwicklung viele Jahre angetrieben hatte, wurde selbst vom Fortschritt überrollt.

Dabei hatte Heinz Nixdorf lange Zeit die Nase vorn. Sein guter Riecher für Neues brachte das Unternehmen voran – bis es tatsächlich zum viertgrößten Computerunternehmen Europas wurde. Er suchte und fand nicht nur die richtige Technik, sondern auch die fähigen Leute, die sie zu entwickeln oder vermarkten verstanden. Zunächst jedenfalls. Wenn Heinz Nixdorf überzeugt war, wusste er auch andere zu überzeugen. Später gab es auch Phasen, in denen er zauderte, die Balance zwischen Stetigkeit und Erneuerung verlor. Doch zunächst war davon noch nichts zu spüren.

Nixdorf, 1925 geboren, wuchs in kargen Verhältnissen auf, verlor den Vater sehr früh. Auf Umwegen schaffte er es trotzdem an die Universität. Anfang der fünfziger Jahre bekam er einen Job als Werkstudent in der Entwicklungsabteilung der deutschen Tochtergesellschaft des amerikanischen Büromaschinenherstellers Remington Rand. Dort brauchte der Physiker Walter Sprick dringend einen Gehilfen. Als Sprick das Unternehmen verließ, war er dermaßen von seinem Zögling angetan, dass er ihm erlaubte, alles zu nutzen, was sein Lehrmeister bis dahin erfunden hatte.

Nur mit dem Mentor im Rücken und einer Idee im Kopf machte sich der Student auf den Weg nach Essen zum Rheinisch Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE). Auch dort wusste er wieder jemanden zu begeistern: den Leiter der Lochkartenabteilung. Nixdorf bekam den Auftrag für einen Elektronenrechner – und 30000 Mark dazu. 1952 wurde das "Heinz Nixdorf Labor für Impulstechnik" ins Essener Handelsregister eingetragen. Erst später zog das Unternehmen nach Paderborn und änderte seinen Namen in Nixdorf Computer AG.

Es war die Zeit der Computerfreaks. Howard A. Aiken hatte bereits 1944 MarkI in Betrieb genommen. Das Ungetüm war 16 Meter lang und 35 Tonnen schwer. Der Berliner Ingenieur Konrad Zuse konnte 1949 mit den Einnahmen aus der Vermietung der Zuse Z4 an die ETH Zürich bereits einen Betrieb in Neukirchen aufbauen. Zwei Jahre später brachten J. Prosper Eckert und John Mauchly, die Erbauer des legendären Eniac, beim US-Konzern Remington Rand das erste in Serie hergestellte Elektronengehirn heraus: die UnivacI. Das U.S. Bureau of Census ersetzte damit das Lochkartensystem. Und hierzulande war bereits die amerikanische IBM aktiv. Sie stieg später weltweit zum dominanten Marktführer auf. Zu diesem Zeitpunkt aber wurde noch leidenschaftlich darüber diskutiert, ob Computer überhaupt für die Wirtschaft von Nutzen sein könnten.

Nixdorf ließ sich nicht beirren. Seine Geräte hießen noch Elektronensaldierer oder Elektronenmultiplizierer. Mit dem Dividieren gab es zunächst Probleme. Doch auch die wurden gelöst. Es ging bergauf – trotz aller finanziellen Engpässe. Manchmal fehlte Nixdorf sogar das Geld für den Wintermantel.