Die Zerstörung der Vergangenheit, so Eric Hobsbawm, sei eines der "charakteristischen und unheimlichsten Phänomene" des späten 20. Jahrhunderts. Lange Zeit hätten Historiker die Entdeckung des kollektiven Gedächtnisses und seine Bedeutung für die Identität von Gruppen, Milieus und Nationen verkannt. Das gängige historiografische Motiv habe darin bestanden, die individuellen und kollektiven Vergangenheitsbilder von Willkür und Subjektivität zu "reinigen" und zu zeigen, wie es "eigentlich" gewesen sei. Doch inzwischen ist diese Art der aufklärerischen Arroganz einer Bereitschaft gewichen, die kollektiven Erinnerungen der Menschen ernst zu nehmen und zu ergründen.

Der in Jerusalem und Leipzig lehrende Kulturhistoriker Dan Diner hat schon in früheren Publikationen diesen in den Geschichtswissenschaften zu beobachtenden "Paradigmenwechsel" als eine Veränderung der Wahrnehmung von Gesellschaft und Gedächtnis beschrieben. Dabei liegen seinen Forschungen stets Vergleichs- und Verschmelzungshorizonte von Orient und Okzident zugrunde. Vor allem seine Analysen der europäisch-jüdischen Lebenswelten durchbrechen nationalgeschichtliche Blockaden und erweisen sich als universell angelegte Kulturperspektiven.

Auch im Kernstück seines jüngsten Essaybandes Gedächtniszeiten geht es um das Verhältnis von universellem Wertekonflikt und europäischer Gedächtniskultur. Die offensichtliche Wiederkehr von politisch, geografisch und kulturell aufgeladenen historischen Metaphern wie "Europa", "Russland", "der Balkan" oder "die Türkei" eröffnet dem Autor ein aktuelles Assoziationsfeld für längst vergangen geglaubte Konstellationen. So erinnert Diner an die historische Bedeutung der "Orientalischen Frage" und deren konflikthafte Zuspitzung durch den Krimkrieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der damit verbundene geografische Raum markiere den zugleich realen wie übertragenen Ort, an dem sich in gar nicht so ferner Vergangenheit die Kultur der westlichen und östlichen Christenheit ebenso wie die des Islams aneinander rieben. Wie in früheren Zeiten drohten heute Konflikte, die von der Peripherie, das heißt vom Balkan, der Levante und den Ländern des Islams ausgehen, abermals Europas Bündnissysteme und Ordnungsprinzipien zu erschüttern. Auffällig sei auch, so Diner, dass sich die "Konfliktzeiten" verlangsamen. Sie erinnern ihn an die Schwelbrände des 19. Jahrhunderts, "beruhend auf den Konstanten von Ethnos und Geographie". Diese Traditionen seien nach wie vor bestimmend für die Architektur des Alten Kontinents, seine Statik und nicht zuletzt sein Selbstverständnis.

Die Frage des europäischen Selbstverständnisses ist nicht erst durch die aktuelle Zuspitzung des transatlantischen Widerspruchs in der Irak-Krise ein Problem geworden. Kritiker haben in "Europa" schon immer einen idealisierten Begriff der Eliten gesehen, eine Illusion, die skeptischer Nachfrage nicht standhalte. Doch der Widerspruch der sich heute scheinbar zwischen dem "alten" Europa und der Neuen Welt abzeichnet, ist ein originär europäischer, innerer Widerspruch. Die Traditionen des Kolonialismus, Nationalismus und des Völkermords sind europäisch, aber ebenso die Werte und Rechtskategorien, an denen sie gemessen und als Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt werden. Die Erinnerung an den Holocaust ist eine Warnung vor der allgegenwärtigen Modernisierung der Barbarei. Ist es vielleicht diese radikale Selbstkritik, die Europa von den islamischen Gesellschaften, aber auch von den USA unterscheidet? Das von Dan Diner skizzierte historische "Erfahrungsmodell" der europäischen Säkularisierung ermöglicht eine Kritik an der heutigen EU-Realität, die nicht nostalgisch und national ist, sondern radikal europäisch und universell.