Riad

In diesem Land ist selbst der einfachste Weg kompliziert. "Wo wollen Sie hin?" Ein Mann im Thob, dem weißen Gewand der Saudis, baut sich im Korridor auf. "In die Frauensektion?" Und auf das Kopfnicken: "Nein, da können Sie nicht hin." Er greift zum Telefon. "So", atmet er in den Hörer, "der Chef hat’s erlaubt. Na, Sie müssen es wissen." Die Frau mit dem Überwurf weiß es. Sie winkt kurz aus einer Tür am Ende des Redaktionsbüros und verschwindet wieder. Hinter der Trennwand der Geschlechter öffnet sich jene Welt, die für Männeraugen nicht bestimmt ist. Drei Schreibtische sind da zu sehen, zwei Computer, ein Purpurvorhang, fünf Blätter Topfgrün. In diesem unspektakulären Zimmer sitzen nun ganz unter sich ein Mann und eine Frau – weder verwandt noch verheiratet. Das kommt in Saudi-Arabien dem Ausnahmezustand gleich.

Nicht dass man Iman Abdulah wirklich sähe. Ihre Abaja, der Schleier, entblößt nicht mehr als die schwarzen Augen, ihre hellblaue Brille, eine Ahnung von Stirn und die mit der Pinzette gezähmten, feinen Brauen. Ihre männlichen Kollegen sehen noch nicht einmal das von ihr. Sie telefonieren nur. Redaktionskonferenzen finden per Lautsprecher statt. Hat man sie in eine Ecke abgeschoben? "Nein, ich arbeite genauso lange und hart wie meine Kollegen, ich bekomme auch das gleiche Gehalt", sagt Iman selbstbewusst. 22 Jahre ist sie alt, hat Anglistik am Mädchen-College Riad studiert, schaffte gleich den Sprung zur Redakteurin in der großen Tageszeitung al-Watan . Jüngst hat sie über Hanadi Hindi aus Mekka geschrieben, eine Heldin der Gegenwart. Sie ist die erste saudische Frau, die als Pilotin Karriere gemacht hat. Leider im jordanischen Exil.

Iman hält eine Ausgabe von al-Watan hoch. Zwei Mädchen lachen da von Seite 29, akkurat in Kopftüchern natürlich, aber mit unverhülltem Gesicht. "Ein Politikum", sagt Iman. "Die Mädchen wollen Cheerleader beim Fußballklub al-Ittihad werden." Unerhört! Über die Abbildung von Frauengesichtern empörten sich prompt einige Geistliche. Ein dubioses "Dschihad-Forum" im Internet griff al-Watan frontal an und veröffentlichte Fotos der verantwortlichen Redakteure mit dem Aufruf: "Wenn ihr die tötet, seid ihr Märtyrer."

Unsere Gegner, sagt Iman gelassen, mit leiser Stimme. Wer aber sind die Verbündeten? Kronprinz Abdallah, sagt sie ohne Zögern, und der König. "Er setzt sich für Reformen ein und sagt, dass Frauen in der Gesellschaft eine größere Rolle spielen sollen."

Seit mehr als einem Jahrzehnt reden die Saudis nun über ihre Reformen. Niemand spürt Fortschritt oder Stillstand so stark wie die Frauen. Die wenigsten arbeiten, die meisten verlassen das Haus nur zum Einkaufen. Die Ausgrenzung der Hälfte der Gesellschaft behindert längst die politische und wirtschaftliche Modernisierung. An den Rechten und Freiheiten der Frauen lässt sich ablesen, ob das Land fähig ist, sich zu verändern.

Die Ausgangslage ist wie versteinert. Dabei wird wohl in kaum einem anderen Land so viel über Frauen geredet wie in Saudi-Arabien. Der Grund: Man sieht sie nicht. "Einfacher wäre es, das Land in zwei zu teilen", lacht Iman. "Hier die Frauen, da die Männer." Da aber im echten Leben nun einmal alles durcheinander geht, haben die Saudis ein penibles System der Geschlechtertrennung entwickelt.

Schauplatz Einkaufspassage: Die kühne Stahlkonstruktion hat der britische Architekt Norman Foster hochgezogen. Frauen flanieren vor den Auslagen westlicher Designer. Im pechschwarzen Ganzkörpergewand kaufen sie ultrakurze Röcke, tief ausgeschnittene Badeanzüge, bestickte T-Shirts – exklusiv für den Hausgebrauch. Nach Hause fahren sie nicht in Bussen oder U-Bahnen, die kennt Riad nicht. Sie werden chauffiert, von ihrem Mann oder einem Fahrer aus Bangladesch oder Pakistan, den die Saudis aus irgendeinem Grund als geschlechtslos ansehen. Frauen selbst dürfen nicht Auto fahren. Auch wenn früher die Frauen des Propheten auf Kamelen ritten. Der Unterschied? Keiner kann ihn erklären, aber bitte nicht dran rühren.

Schauplatz Café: Einen halben Liter lauwarmen Cappuccino im geschmacksneutralen Pappbecher bieten amerikanische Ketten in Riad an jeder Ecke feil. Die Männersektion ist ein großer Raum und sieht aus wie überall auf der Welt. In die "Familien- und Frauensektion" gelangen Männer ausschließlich in Frauenbegleitung. Drinnen ein Labyrinth von Vorhängen. An der Kaffeetheke stehen die Damen noch verhüllt, erst im sicheren Séparée fällt der Schleier.

Schauplatz Universität: Natürlich unterrichten männliche Professoren auch Studentinnen. Aber wie vermeidet man es, dass er sie dabei sieht? In dem Land, das Kinos verboten hat, wird die Vorlesung über den Fernseher in den Hörsaal eingespeist. Besonders raffiniert ist eine Glaswand, durch welche die Studentinnen sehen können, die aber für den Dozenten verspiegelt ist.

"Glauben Sie bloß nicht, dass der Koran das vorschreibt", sagt Iman. Dort sei nur von angemessener "Bedeckung" der körperlichen Reize die Rede. "Wir leben hinter hohen Felsmauern der Tradition. Die Bräuche, nicht der Islam, schränken unsere Freiheit ein." Saudi-Arabiens Staatsreligion, der Wahhabismus, huldigt einer besonders rigorosen Auslegung der heiligen Schriften und Vorschriften. Sehen ist Sünde. Doch ist es der aufgezwungene Schutz vor Blicken, der den Frauen die Freiheit nimmt? Eine Schülerin und eine Professorin widersprechen.

Schönheit nicht für jedermann

Die 14-jährige Schorun sitzt mit ihrem Vater auf den mit Tigerfell bespannten Sofas im Herrensalon eines Einfamilienhauses. Sie ist unverhüllt, zeigt dem Besucher die langen Locken. Ihren Vater, einen liberalen Hochschullehrer, stört das nicht. "Der Islam verlangt von der Frau nicht, dass sie sich verschleiert", sagt er mit fester Stimme. – "Das stimmt, Vater, aber ich will nicht von irgendwelchen Typen belästigt werden. Also trage ich draußen lieber den Schleier." – "Da liegt doch das Problem. Die Frauen verstecken sich, und die Neugier steigt. Wenn alle den Schleier abnehmen, wird das Bedürfnis schwinden, Frauen anzustarren." – "Unser Lehrer sagt, wenn eine Frau den Schleier trägt, gleicht sie einem geschützten Edelstein. Schönheit soll man nicht mit jedem teilen." – "Aber deine Freundinnen bedecken sich auch nicht alle." – "Noch nicht. Aber alle sprechen darüber, über Schleier mit speziellem Design." – "Die Religionspolizei sagt, Design-Schleier sind Sünde." – "Nein", sagt Schorun unbeirrt, "ein schöner, schlichter Schleier ist völlig in Ordnung."

Nora Saad lehrt seit 20 Jahren am Frauenflügel der Abdulasis-Universität in Dschidda. Natürlich verschleiert sie sich. "Was ist schon dabei?", fragt sie. "Westliche Menschenrechtler beißen sich gern an vordergründigen Symbolen fest." Kleidung, Kinos, Führerschein. "Keine Missionierung, bitte", sagt sie. Als ihr Vater ein junger Mann war, lebte er noch als Beduine in der Wüste. "Veränderung braucht Zeit. Ich möchte mir keinen Lebensstil vom Westen aufzwingen lassen."

Worum geht es Nora Saad? "Frauen müssen ohne einen Mann als Mittler geschäftlich tätig sein dürfen. Frauen müssen in diesem Land politisch mitentscheiden." Die Soziologin berät die Schura, welche die Saudis gern ihr "Ersatzparlament" nennen. Dieser Konsultativrat empfiehlt dem Ministerrat des Königs Gesetze, Reformen. In der Schura sitzen freilich nur Männer. "Natürlich wäre ich gern selbst ein volles Mitglied", sagt Saad. "Ich bin nicht weniger qualifiziert als die anderen." Stimmt, sagen die Männer, aber: "Veränderung braucht Zeit." Nur wie viel?

Mitunter treiben Katastrophen die Reformen voran. Als vor einem Jahr eine Mädchenschule abbrannte, wurde die Erziehung der Mädchen den Religiösen entrissen. Jetzt unterstehen Mädchen wie Jungen dem Erziehungsministerium. Wenn in der saudischen Konsensgesellschaft einmal niemand Anstoß nimmt, geht es auch von allein voran. Langsam. Die Schura diskutiert den Mutterschutz für arbeitende Frauen, Lohnfortzahlung und Kündigungsschutz.

Bald ohne Platin-Kreditkarte

Doch der stärkste Antrieb ist die Gesellschaft selbst, die den Beton der Tradition von unten aufbricht. Iman, die Redakteurin, sitzt vor ihrem Computer und trommelt auf die Tastatur. Hier ihre Zahlen: Schon heute studieren an den saudischen Universitäten so viele Frauen wie Männer. Mehr als 100000 verlassen jährlich die Hochschule mit Diplom. Doch viele von ihnen bleiben ohne Job. Damit teilen sie das Schicksal der Männer – ganz gleichberechtigt.

Denn Saudi-Arabiens Männer und Frauen haben die gleiche Sorge: die Bevölkerungsexplosion. Auf eine Frau kommen durchschnittlich sieben Kinder. Fast 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Die neue Generation wird durch ihre schiere Zahl die alte Ordnung sprengen. Der aus dem Ölboom überkommene Sozialvertrag Saudi-Arabiens zerbricht: Wohlfahrt des Staates gegen Wohlverhalten der Bürger. Vorbei. Heute ist die Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent hochgeschnellt. Sie hat dem Land eine Armut beschert, die es seit den goldenen Siebzigern nicht mehr kannte.

Schon bald, meint Iman, werden sich viele Familien Chauffeure für die Frauen nicht mehr leisten können. Sparen heißt selbst fahren. "In einigen Dörfern sitzen die Frauen schon am Steuer." Neusaudische Bräuche geraten in Gefahr. Die Platin-Kreditkarte für die Gattin als Kompensation für ein Leben hinter Mauern werden viele Männer nicht mehr bezahlen können. Auch die Villa mit separatem Frauenflügel will erst verdient sein.

Wenn man bis dahin überhaupt kommt. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt das Geld. Und wer kein Geld hat, bekommt keine Frau. Denn schließlich will es die Tradition, dass der Mann für die Gemahlin bezahlt. Da kommen schnell mehrere zehntausend Dollar zusammen. Über 50 Prozent der Männer in heiratsfähigem Alter sind ledig, weil sie keine Arbeit haben. Bald dürfte von selbst aufhören, was so manche saudische Ehefrau beklagt: Dass sich ihr Mann – ohne sie auch nur zu informieren – eine zweite Gattin leistet.

Heute müssen einige Männer schon der ersten und einzigen Frau hinterherhetzen. Auf der King-Fahd-Straße in Riad, einen Steinwurf entfernt von Imans Büro, hält ein Mann einen Zettel an die Fondscheibe eines haltenden Autos. Darin sitzt eine junge Frau, die nach dem Arbeitstag aus der Garage einer Bank chauffiert wird. Auf dem Zettel steht seine Telefonnummer. Gefällt er ihr, ruft sie vielleicht an. Vielleicht aber auch nicht.

Eine Ausnahme, natürlich. Nur 5,5 Prozent der Frauen haben eine Stelle, spuckt Imans Computer aus. Ihre Zahl steigt. Frauen mit gutem Job sind immer begehrter bei den saudischen Paschas. Ein Modethema der saudischen Zeitungen sind arbeitslose Männer, die arbeitende Frauen suchen. Die Geld verdienen. Die vielleicht noch ein gutes Erbe erwarten. Und womit viele Männer nicht rechnen: die einen eigenen Kopf haben.

"Ich werde meinen eigenen Weg gehen", sagt Iman. "Ich möchte Karriere machen und mir meinen Mann aussuchen." Darüber streitet sie sich manchmal mit ihrer Mutter. "Sie fürchtet, dass ich zu viel schufte und am Ende keinen Ehemann bekomme." Iman interessiert sich jedoch mehr für ihren nächsten gesalzenen Kommentar. Thema: 130 eifernde Geistliche, die ein Arbeitsverbot für Frauen fordern, damit diese sich daheim um die Familie kümmern.