Die Flöte von Geißenklösterle

Als Vogt des Schlosses Hohentübingen ist Nicholas J. Conard ein gefragter Mann. Doch die Studenten, die gerade an seine Bürotür klopfen, müssen sich gedulden. "Über das Fest reden wir – aber nicht jetzt", wimmelt Conard sie ab. Schließlich ist der Amerikaner nur nebenberuflich Schlossvogt. Im Hauptberuf arbeitet er am Tübinger Institut für Ur- und Frühgeschichte, das in den wuchtigen Mauern untergebracht ist, und erforscht die Anfänge menschlicher Kultur. Die sind ihm momentan wichtiger als studentische Feiern.

"Hier haben wir das älteste Musikinstrument der Welt", verkündet Conard in amerikanisch gefärbtem Deutsch. Er öffnet vorsichtig eine Plastikschachtel, schlägt eine dicke Lage Schaumstoff zur Seite und hebt mit ehrfurchtsvoller Sorgfalt ein schmales Röhrchen auf seine Hand: ein grauweißes Stück Knochen von der Größe eines Zigarillos, hohl, am Ende zersplittert und mit drei Löchern versehen. "Das ist eine Knochenflöte, etwa 35000 Jahre alt", sagt der Archäologe stolz, "gefunden wurde sie in Geißenklösterle bei Blaubeuren." Dort, im oberen Donautal auf der Schwäbischen Alb vermuten manche gar den Beginn der eiszeitlichen Kultur des Homo sapiens. Hatten also schon die Urschwaben im Jungpaläolithikum einen Innovationsvorsprung? Bevor der Besucher Zeit hat, das zu würdigen, holt Conard ihn in die Gegenwart zurück. "Leider wird über die hochwertigen deutschen Funde lange nicht so häufig berichtet wie über die Ausgrabungen angelsächsischer Forscher."

Dabei gehörten die Arbeiten Tübinger Archäologen – auch jene seiner Kollegen Manfred Korfmann und Peter Pfälzner – international durchaus zur Spitze. Wer daran noch zweifelt und sich auch vom DFG-Ranking keines Besseren belehren lässt, wird ins schlosseigene Museum für Urgeschichte geführt. Conard weist auf spielzeuggroße Mammut- und Pferdeskulpturen von der Schwäbischen Alb – "die ältesten figürlichen Kunstwerke der Welt" – und tritt dann an ein Fenster, das den Ausblick über die Altstadt freigibt. "Da wohne ich", sagt der Amerikaner und zeigt in Richtung Münzgasse, dort, wo 1477 in der Alten Burse die Universität Tübingen gegründet wurde. "Zu Fuß bin ich in fünf Minuten zu Hause", schwärmt Conard, "da kann ich mittags essen und mit meinen Kindern spielen. Das ist Lebensqualität. An welcher amerikanischen Eliteuniversität finden Sie so etwas?"

Der mystisch-fragende Geist

Gegenüber vom Schloss, auf dem Tübinger Österberg, sitzt der Philosoph Manfred Frank auf seinem Balkon und kredenzt einen Vin des Chevaliers aus dem Schweizer Wallis. "Der hat einen ganz eigenen Geschmack, weder italienisch noch französisch", sagt Frank, "man merkt ihm den Gneis-Grund an, auf dem er wächst." Ja, Frank kennt sich aus in der Welt. Der gebürtige Rheinländer hat jahrelang in Düsseldorf und in Genf gelehrt, erkundete als Extrembergsteiger manchen Gipfel und kennt den Forschungsbetrieb in den USA von Gastaufenthalten.

Doch "so etwas Begabtes wie die schwäbischen Studenten" habe er nirgendwo erlebt. Auch in Amerika gebe es ja helle Köpfe, fleißig und intelligent – aber die US-Kollegen, die er in sein Tübinger Doktorandenkolloquium zur Bewusstseinsphilosophie einlud, hätten über die gut vorbereiteten und scharfsinnigen Schwaben nur gestaunt. "Wenn ich zum Beispiel anderswo erzähle, dass für Hegel Natur und Geist identisch waren, dann geht dort schon die Heiterkeit los", berichtet Frank. "Aber die Schwaben, die erwägen das, die fragen nach: Wie hat Hegel das gemeint?, lesen seine Schriften und machen sich ihre Gedanken."